VON PHILIPP AMMON
Pripjat
Es widerstand der Sumpf, der Wald
Dem Heer, das aus dem Westen kam.
Damals erhob sich jeder Baum und
Jeder Strauch. Das Heer versank:
Der Boden hatte es verschluckt.
Wie Mumien sind sie konserviert
Im tiefen Grund ein feuchtes Grab:
Wie sinnlos war, bedenkt man’s heut,
Daß dieses Heer nach Osten zog.
In dankbarer Erinnerung an Viktor Iwanowitsch Korowin (1923–2006), der 1991 jeden Morgen in der Frühe aufstand, um für einen jungen Deutschen Milch zu kaufen, als diese rar war, der jenem Jugendlichen den Schulbesuch in Smolensk ermöglichte und einen anderen Veteranen bat, seinem unbedarften Besucher aus Deutschland vor Schulbeginn die Bildung der Hybridorbitale zu erklären, und abwinkte, wenn sein Gast ihn nach dem Krieg fragte. Möge das Andenken Viktor Iwanowitschs in Liebe bewahrt bleiben. Möge er sein, wo es keine Sorgen, keinen Kummer, keine Angst, keine Verzweiflung gibt, sondern Freude und ein Leben, das niemals endet.
Wie Ewigkeit
Ein jedes Land grenzt an ein Land. Es gibt ein Land, das grenzt an Gott, das niemand je besiegen kann. Es sei denn, es verfiele selbst. Es fiele ab. Der Himmel ist hier grenzenlos. Wie Ewigkeit ist es. So weit. Gott buk der Welt ein Himmelsbrot. Die ganze Erde hat gebrannt. Es brach die Front. Die Stiefel sanken in den Schlamm. Es waren neunhundert Tage fast. Die ganze Welt war eine Stadt in einem Ring. Die Stadt fiel nicht. Sie widerstand. Die Gottesmutter von Kasan war an der Front. Es heißt, ein Flugzeug habe sie gebracht. Kein Durchbruch mehr. Alles versank. Als widersetzte sich die Erde selbst den Ketten, Rädern und dem Tritt. Lagen im Schnee vor Müdigkeit. Und schliefen ein. Der Welt erwuchs ein Totenwald. Die Erde war wie heimgesucht. Sie darbte aus Notwendigkeit. Es schien wie eine Ewigkeit. Wie allergrößte Fastenzeit. Von Wunderhand gerettet ward das Land, das sich damals erhob. Im Feuerofen überwand die Welt das Land, das grenzt an Ewigkeit.
In Dankbarkeit Nina Nikolajewna Sinjawskaja gewidmet, die von 1970–2001 am Smolensker Prschewalskigymnasium Physik unterrichtete. Einem Jugendlichen aus Deutschland erklärte sie im Sommer 1992 nach der Abschlussprüfung, daß sie froh sei, ihm begegnet zu sein, da sie als Kind die Blockade in Leningrad überlebt habe und nun mit den Deutschen nichts Schreckliches mehr verbinden müsse.
