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In Akzente Digital präsentieren wir Ihnen ausgewählte Beiträge von Autorinnen und Autoren – Essays, Rezensionen, literarische Reflexionen und mehr. Entdecken Sie neue Perspektiven und aktuelle Themen aus der Welt der Literatur.
wie viel arbeit steckt in arbeit?
von blumenleere was auf den ersten blick vielleicht noch wie eine relativ simpel gestrickte tautologie wirken mag, deren illustrer charme dessen ungeachtet kaum von der hand zu weisen waere & die, simultan, recht unbestritten wenigstens vage an koans & andere kernstuecke oestlicher meditationen gemahnen koennte, wird sich im anschluss als ausgangsvektor einer bezueglich ihrer grundtendenz doch eher klassisch philosophischen analyse mit etlichen avancen poetischer performanz erweisen, welche auf unterschiedliche per arbeit determinierte kategorien & konnotationen referiert.mit diesem sich uns eroeffnenden zugang, nun, deuten wir also bereits jetzt eine wesentliche krux unserer eigenen geschichte nicht blosz an, sondern beruehren sie empfindlich. befassen wir uns naemlich mit dem begriff der arbeit per se, stellen wir schnell fest, dass es sich dabei trotz bis eventuell gar & gerade seiner alltagsueblichkeit wegen keineswegs um einen eindeutig & klar umrissenen handle, dafuer jedoch um ein ineinander uebergehendes, verlaufendes ensemble divergierender & lediglich zufaellig im selben
Im Schatten parken
VON BJÖRN BISCHOFF »Freie Parkplätze für Mitarbeiter« (Stellenanzeige.) 1 Im Sommer fällt der Schatten des Parkhauses auf das Bürogebäude. Die Mitarbeitenden reden von Glück, dass es deshalb in ihren Büros nicht so heiß wird. Elias hört, wie sie es auf den Fluren sagen, ein Glück, dass es nicht so heiß wird, sagen sie, es ist draußen kaum auszuhalten, und manchmal schaut jemand währenddessen durch die Tür des Büros von Elias zu den Fenstern, durch die das Parkhaus zu sehen ist, wie um sicherzugehen, dass sich das Parkhaus noch dort befindet, vor den Fenstern. 2 Es ist der Sommer, in dem die Toten in dem Parkhaus parken. Die Anweisung kommt von ganz oben, hieß in einer Mail der Geschäftsführung, mehr erfährt Bioy nicht, der in dem Pförtnerhäuschen neben Einfahrt und Ausfahrt sitzt, nur so viel steht dort, dass die Kosten über eine Kooperation gedeckt seien und durch die Maßnahme die Auslastung
An der Stanze
VON PHILIP KRÖMER Man kann nicht sagen, dass sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überlässt ihnen alles.– Franz Kafka: Ein altes Blatt Die Schicht beginnt bei Sonnenaufgang und dauert bis zur Besinnungslosigkeit. Das ist nicht ungefährlich. Kollegen geraten im Zustand größter Zermürbung mit den Händen zwischen die Druckplatten, und dann tauchen in den Köpfen unserer Kunden lose Finger auf, zerquetschte Gliedmaßen, zertrümmerte Knochen. Ich bin jung. Ich habe noch alle Finger, meine Frau ist tüchtig, ein erstes Kind ist unterwegs, das wir in tiefster Erschöpfung in unserer rußschwarzen Mietskaserne zeugten. Gemeinschaftstoilette auf dem Gang. Fließend Wasser nur im Hinterhof. Heute fertigen wir eine Serie handlicher Geistesblitze für eine große Abendgesellschaft. Da der Inhalt nicht festgelegt ist, sondern sich aus dem Vorwissen des Konsumenten speist, sind sie kaum daumennagelgroß. Von einem Vorarbeiter, der auf einer solchen Zusammenkunft war, um eine defekte Zapfanlage zu reparieren, weiß ich, dass
Eddy 2 wacht auf, macht Feststellungen und trifft auf Nachbarn, dann geht er trotzdem arbeiten und bleibt ratlos
VON KATRIN KRAUSE Eddy 2 wacht auf und stellt fest, dass die Wand über Nacht schon wieder näher gekommen ist. Er merkt es daran, dass der untere Teil des Bettes mitsamt seiner Füße und der Waden in die Wand glitchen – ui, wie das kitzelt. Eddy 2 zieht seine Beine aus dem Glitch. Sie jucken. Er steht auf und schaut aus dem Fenster. Der Himmel ist sommerblau und über Nacht sind alle Pools aus den Vorgärten verschwunden. Eddy 2 putzt sich die Zähne und macht einen Miracle Morning. 5 Mal atmet er tief in die Bauchhöhle. 10 Seiten liest er in einem Buch. 8 Klimmzüge schafft er. Dann geht er in die Küche, um Proteine zu kochen. Am Kühlschrank steht ein Typ, der behauptet, ein Mitbewohner zu sein. Das kann natürlich sein, denkt Eddy 2. Der neue Mitbewohner hat kein Gesicht, bloß hautfarbene Fläche. Eddy 2 gibt ihm höflich die Hand und
Die Andere
VON JULIA ALINA KESSEL Als Marlou am Morgen nach dem Aufwachen ihr Smartphone entsperrte, blickte ihr Gesicht ihr entgegen wie das eines Zwillings, den das Leben ihr bisher vorenthalten hatte. Fremdes Entsetzen hagelte auf sie ein und mischte sich mit ihrem eigenen. Bis sie begriff, was geschehen war, bedurfte es fünf WhatsApp-Messages, drei SMS und einer Mail ihres Agenten, doch selbst dann verstand sie nicht. Obwohl die Frau in dem Filmtrailer aussah wie ihre Doppelgängerin, erinnerte Marlou sich nicht daran, jemals dieses Kostüm getragen oder diese Sätze gesagt zu haben. Tausende Daumen nach oben oder unten bewerteten eine Leistung, die sie nie erbracht hatte. Meinungen überfluteten die Kommentarspalte, zum Film, zu Deutschland, zu ihr: Geile Titten. Kennt man die? Wieder und wieder spielte Marlou das Video ab, ehe sie ihren Agenten anrief. Ronan bellte in ihr Ohr und hörte nicht auf, sie zu löchern: Wie war sie zu einer Rolle
»Pripjat« und »Wie Ewigkeit«
VON PHILIPP AMMON Pripjat Es widerstand der Sumpf, der WaldDem Heer, das aus dem Westen kam.Damals erhob sich jeder Baum und Jeder Strauch. Das Heer versank: Der Boden hatte es verschluckt. Wie Mumien sind sie konserviert Im tiefen Grund ein feuchtes Grab:Wie sinnlos war, bedenkt man’s heut,Daß dieses Heer nach Osten zog. In dankbarer Erinnerung an Viktor Iwanowitsch Korowin (1923–2006), der 1991 jeden Morgen in der Frühe aufstand, um für einen jungen Deutschen Milch zu kaufen, als diese rar war, der jenem Jugendlichen den Schulbesuch in Smolensk ermöglichte und einen anderen Veteranen bat, seinem unbedarften Besucher aus Deutschland vor Schulbeginn die Bildung der Hybridorbitale zu erklären, und abwinkte, wenn sein Gast ihn nach dem Krieg fragte. Möge das Andenken Viktor Iwanowitschs in Liebe bewahrt bleiben. Möge er sein, wo es keine Sorgen, keinen Kummer, keine Angst, keine Verzweiflung gibt, sondern Freude und ein Leben, das niemals endet. Wie Ewigkeit Ein jedes Land grenzt an
