Akzente präsentiert
Akzente Digital
In Akzente Digital präsentieren wir Ihnen ausgewählte Beiträge von Autorinnen und Autoren – Essays, Rezensionen, literarische Reflexionen und mehr. Entdecken Sie neue Perspektiven und aktuelle Themen aus der Welt der Literatur.
Du kannst nichts mitnehmen
VON MARIO RAUTER Der Schlüssel sperrte immer noch. Die Finger erinnerten sich, wo sie Widerstand erwarteten, wie viel Druck das Schloss brauchte, bis es nachgab und öffnete. Den Schlüssel hatte er seit dem Schulanfang im Internat vor 30 Jahren bei sich getragen, mitgenommen bei jedem Umzug, zuerst zum Studieren nach Wien, dann nach Basel, nach Berlin, nach Paris. Seinen Vornamen hatte Johannes nicht vererbt bekommen. Der erste Bub in jeder Generation wurde auf Hartmut getauft, das war seit vier Generationen so, auch wenn der Name längst aus der Zeit gefallen war. Bei ihm mussten sie nachdenken, vor allem darüber, wie sie ihn erklärten, den ersten Buben in der nächsten Generation, der überraschend und ganz ohne Vater dahergekommen war. Ein Skandal in Stoffwindeln, den sie wegerklären mussten, damit die Frauen im Dorf mit ihren Kopftüchern beim Kirchgang die Lippen zum Gebet und nicht zum Gerücht bewegten. Bastard war ein Wort, das
von leeren Nestern
VON INSA BIRKENHAGEN Havar ist das defekte Schiff, es ist in Seenot geraten und betriebsunfähig geworden. Havar hat eine Brust, die sich zusammenzieht, in schmerzende Knoten, und sie ist sich sicher, dass sie sterben muss. Die Ärztin sagt ihr, dass das nur Ödeme seien oder eine Verdickung in den Milchgängen, aber das kommt nur selten vor und wenn, dann nur in der Menopause und dafür ist Havar ja noch zu jung. Havar berichtet von den Mandeln. Wie sie rot anlaufen vor Wut und weiße Flecken bilden. Der linke Lymphknoten, immer schwillt er an und lässt den ganzen Hals zu einem einzig zu Klumpen verkörperten Infekt werden. Fast jeden Monat ist es so und dann fängt Havar an die Schleimhäute zu bluten, defekte Nester overboard. »Das muss der Hormonhaushalt sein«, sagt die Ärztin, und dass da etwas im Argen sei. »Spätestens«, meint sie, »mit der ersten Schwangerschaft
Späte Väter. Über die Haltbarkeit von Vätern
VON BEN SLOOT Der niederländische Schriftsteller Simon Vestdijk ließ seine zukünftige Frau, die siebenundzwanzigjährige Mieke van der Hoeven, in einem Nikolausgedicht beiläufig wissen, dass er sich ein Kind von ihr wünsche: »Denn, so heißt es, jeder Kinderfreund darf Vater werden.« Als er im Alter von zweiundsiebzig Jahren stirbt, hinterlässt er seine Frau und zwei kleine Kinder. In letzter Zeit denke ich auch an Jassir Arafat. Oder vielmehr an Zahwa, seine Tochter, die er mit sechsundsechzig bekam. Als er starb, war sie erst neun Jahre alt. Dass er – bereits vor ihrer Geburt kränklich – wusste, dass er sie wahrscheinlich nur kurz erleben würde, hielt ihn nicht davon ab, Vater zu werden. Der Mann, von dem man sagte, er habe keine Gelegenheit ausgelassen, eine Gelegenheit zu verpassen, ließ sich diese nicht entgehen. Oder ich denke an Charlie Chaplin und Pablo Picasso, die – neben allem anderen – ebenfalls späte Väter waren.
Jeder Balkon hat eine Mutter. Dreizeiler
VON MARGRET KREIDL Sie hat eine traurige Kindheit auf Lager. Bitte weitersagen und dann ab in den Urlaub. Seine Mutter ist gestorben, gestorben sind auch ihre Sorgen: Wer wird ihn jetzt versorgen? Ich heiße Beate. Beate, sage ich zu meinem Psychiater, ich bin mein eigener Vater. Wo endet der Vater? Wo beginnt der Großvater? Wann kommt der Pharao zur Ruhe? Franz kratzt am Samstag ab. Der Sarg ist leer, der Vater ein Gespenst, der Erbe ist entmannt, er heißt Ferdinand. O sarkophagischer Phallus! O Vaterland! Euterzellen wachsen im Stahltank und geben Milch ab. Die Mutter sagt: Immer freundlich und grüßen. Der Kühlschrank spielt mit den Kindern. Eine Hausfassade, verziert mit Fragen, eine Frau, die auf den Putz haut und keine Kinder weit und breit. Jeder Balkon hat eine Mutter. Frag nicht, warum. Die Pelargonien wollen bis in alle Ewigkeit blühen.
Rot und orange
VON JOE BLITGEN Ich bin sieben Jahre alt und sitze auf meinem Bett. Das große Licht ist normalerweise ausgeschaltet, aber jetzt dringt es in jeden Winkel des Zimmers. Es überstrahlt die Nachttischlampen in Form von Pluto und Donald, die eben noch schwach geleuchtet haben, als wir nicht schlafen wollten. Lena ist drei Jahre jünger als ich und macht unter sich. Ich bin stiller Beobachter und rühre mich nicht. Aus Angst. Und aus Erleichterung, dass es mich nicht erwischt hat. Meistens erwischt es mich. Unter die Angst und die Erleichterung mischen sich auch Schuldgefühle. Aber die kann ich noch nicht richtig deuten. Ich schaue einfach hin und hoffe, dass es aufhört. Als Papa merkt, dass Lena sich eingenässt hat, hält er still. Er blickt einige Sekunden auf das nasse Laken und verlässt das Zimmer. Lena heult und ich weiß nicht, was ich tun soll. Sie weint, bis Mama kommt, und streckt
ohne geschichte
VON NIKOLA HUPPERTZ one – egy – unu den anfang macht immer der alte johnny omamas otata wir tönen zweifach die silbe ur- in dunkel verhangener kutsche über den borgopass kommend ins land jenseits des waldes trans silva ardeal erdély erdel durch nachklänge osmanischer vorzeit auf anglikanischer mission und so was von unsterblich | daher später auch proband einer der ersten langlebigkeitsuntersuchungen in der ihrerseits noch jungen republica populară română in der schwarzen kirche zu braşov ziert seine plakette die zweite bank links außen | keiner heißt es will unter seinem namen sitzen kettő – doi – due senkrecht abwärts von uromama elisabeth samt ihrem leibchauffeur fabiu und ihrem faible fürs roulette für das ihr gatte andreas aus leibeskräften wirtschaftet und mit schöner papeterie floriert dem sie vermutlich angereist mit dem expresszug via budapest eingeschifft in triest auch in der sommerfrische auf dem lido
