VON JULIA ALINA KESSEL
Als Marlou am Morgen nach dem Aufwachen ihr Smartphone entsperrte, blickte ihr Gesicht ihr entgegen wie das eines Zwillings, den das Leben ihr bisher vorenthalten hatte. Fremdes Entsetzen hagelte auf sie ein und mischte sich mit ihrem eigenen. Bis sie begriff, was geschehen war, bedurfte es fünf WhatsApp-Messages, drei SMS und einer Mail ihres Agenten, doch selbst dann verstand sie nicht. Obwohl die Frau in dem Filmtrailer aussah wie ihre Doppelgängerin, erinnerte Marlou sich nicht daran, jemals dieses Kostüm getragen oder diese Sätze gesagt zu haben. Tausende Daumen nach oben oder unten bewerteten eine Leistung, die sie nie erbracht hatte. Meinungen überfluteten die Kommentarspalte, zum Film, zu Deutschland, zu ihr: Geile Titten. Kennt man die?
Wieder und wieder spielte Marlou das Video ab, ehe sie ihren Agenten anrief. Ronan bellte in ihr Ohr und hörte nicht auf, sie zu löchern: Wie war sie zu einer Rolle in Mierheims Film gekommen und weshalb war dies nicht über die Agentur verhandelt worden? Marlou schwor, nicht einen Tag am Set gewesen zu sein.
»Warum bist du dann in dem Film?«, schrie er.
»Keine Ahnung«, schrie sie zurück. Sie überlegten hin und her. Die Pausen zwischen ihren Sätzen dehnten sich mehr und mehr, bis Marlou nur noch sein unter der Last seines Unverständnisses ächzendes Atmen hörte. Am Ende ihres Telefonats waren sie sich einig: Man hatte ihren Körper benutzt, ihre Stimme, ihre Bewegungen; eine äußere Hülle, um den Anschein eines Inneren zu erwecken, etwas zu beleben, das leblos war. Mithilfe von AI, CGI oder einer anderen technischen Spielerei war Marlou digital geklont worden.
Ronan beschwor sie: kein Post, kein Kommentar, kein Dementi, bis die Sache geregelt war. Doch Marlou fand es unerträglich, keine Stellung zu beziehen. Die pompöse Ausstattung verdeckte nicht die rassistische Prämisse des Films: Eine Frau deutscher Abstammung und ein muslimischer Migrant geraten in einen Nachbarschaftsstreit, der sich zu einem Stadtkonflikt ausweitet. Die als Heldin inszenierte Frau sorgt dafür, dass der Mann des Landes verwiesen wird und wird dafür gefeiert.
Marlou dachte zurück an die Rollenanfrage vor einem Jahr, die sie ohne Zögern abgelehnt hatte. Von Mierheims Besetzungsmethoden als Regisseur und seinem Umgang mit Frauen hatte sie gehört. Er hielt politische Korrektheit für einen Witz, solange sie sich nicht gegen ihn wandte, und kam aller Kritik zuvor, indem er sich selbst als toxischer weißer Mann betitelte, um sich weiterhin ungestraft so verhalten zu können. Ronan hatte genickt, als hätte er Marlous Widerstand erwartet, und dann den Kopf geschüttelt: »Mierheim ist groß. Das könnte eine Chance sein.«
»So eine Chance will ich nicht«, hatte sie entgegnet.
Auf dem Weg zur Kanzlei regnete es. Jemand hatte die Wahlplakate der noch regierenden Partei mit schwarzem Filzstift beschmiert: Deutschland sauber machen! Ein Wassertropfen rann die Wange des amtierenden Kanzlers hinunter. Zum hundertsten Mal prüfte Marlou ihr Instagram-Profil. Ihre Followerzahl war weiter eingebrochen, Nachrichten bombardierten ihren Posteingang, Kommentare ihre Posts. Hass schlug ihr entgegen, und schlimmer noch: Begeisterung.
»Hatten Sie schon mal so eine große Rolle?«, fragte der Anwalt, bei dem sie das Beratungsgespräch in Anspruch nahm. Sie verneinte. Der Anwalt stieß seinen Vortrag hervor: Bei jedem Verfahren seien Nutzen und Nachteil abzuwägen. Als lediglich Ausführende sei es kompliziert und langwierig, sie zu belangen, zumal politische Unkorrektheit in diesen Zeiten schwammig und ungenau zu erfassen sei. Marlou versuchte ihm zu erklären, dass sie nicht Ausführende, sondern Bestohlene war. Doch er wies sie bereits zur Tür und gab ihr mit gönnerhaftem Tonfall einen Rat: Sie solle die Aufmerksamkeit für sich und ihre Karriere nutzen.
Die Premiere fand am Samstag vor der Wahl statt. Von der ausbleibenden Einladung wollte Marlou sich nicht abhalten lassen. Sie steckte ihre Haare hoch, schlüpfte in ihr paillettenbesetztes Abendkleid und schminkte sich.
Ihre Mutter trat hinter sie, sodass ihre Blicke sich im Handspiegel trafen.
»Alle tun, als hätte ich etwas falsch gemacht«, sagte Marlou.
»Vielleicht hast du das«, antwortete ihre Mutter.
»Der Film ist rassistisch.«
»Warum hast du dann mitgemacht?«
Marlou wollte das abstreiten und aufspringen, eine Szene machen, wie es von Schauspielerinnen erwartet wurde. Sie blieb sitzen.
»War ich gut? In dem Trailer?« Marlous Frage wackelte. Sie fürchtete sich vor der Antwort. Ihre Mutter legte ihr die Hand auf die Schulter: »So gut wie noch nie.«
Vor dem Lichtspielhaus wartete ganz Deutschland: Fernsehsender, Presse, Prominente. Als Marlou auf den roten Teppich trat, hefteten sich alle Blicke auf sie. Plötzlich war sie nicht mehr die arbeitslose Schauspielerin, die von ihren Rücklagen lebte und über Vorabendserien und Shampoo-Werbung nie hinausgekommen war. Plötzlich jubelten Fans ihr zu, reckten Plakate mit ihrem Namen in die Luft. Plötzlich folgten Kameras ihren Bewegungen, glitzerten Blitzlichter auf ihrem Kleid. Marlou richtete sich auf, stellte sich in Pose. Die Blicke betasteten sie sanft, fühlten sich an wie zaghafte Umarmungen. Da entdeckte Marlou Ronan vor der Pressewand. Er stand neben Mierheim und lächelte den Fotografen zu. Die Welt rückte fort. Sie fühlte sich wie von flüssigem, erkaltenden Glas übergossen.
Noch während Ronan mit Mierheim ins Kinogebäude verschwand, traten Securityguards auf Marlou zu und beorderten sie zum Ende des Teppichs und zurück zur Straße. Mit aller Kraft wehrte sie sich, aber die Männer waren stärker als sie, schubsten sie hinter die Absperrung. Da fiel ihr Blick auf das Filmplakat an der Fotowand. Überlebensgroß prangte ihr Gesicht darauf. Marlou raffte die Seiten ihres Kleides, drückte sich zurück durch die Absperrung und lief auf den Security-Mann zu.
»Das bin ich«, sagte sie. »Ich spiele die Hauptrolle.«
Verunsicherung ergriff die Miene des Mannes, seine Augen sprangen zwischen ihr und der Frau auf dem Plakat hin und her. Dann ließ er Marlou gewähren.
Sie marschierte über den Gang hinein in den abgedunkelten Saal, den Seitenaufgang entlang. Als sich vor ihr die Leinwand offenbarte, blieb sie wie erstarrt stehen. Auf der leuchtenden Oberfläche sah sie sich selbst spielen, wie sie spielte, sprechen, wie sie sprach, aber entgegen der leisen Scham, die sie beim Anblick ihrer eigenen Aufnahmen sonst stets empfand, faszinierte sie diese Rolle, diese Figur, diese Schauspielerin, die dem Publikum alle Facetten ihres Könnens hinwarf – mit einer Leichtigkeit und Durchlässigkeit, die Marlou selbst noch nie erreicht hatte.
In atemloser Stille folgte der gesamte Saal der Handlung. In der dritten Reihe der vollbesetzten Bestuhlung, nur wenige Meter von Marlou entfernt, saß ihre Mutter. Zuerst glaubte Marlou, Abscheu in ihr zu lesen, doch dann begriff sie, dass es sich um das Gegenteil handelte: Tränen vor Rührung und Stolz. Marlous Paillettenkleid schraubte sich um ihren Brustkorb und nahm ihr die Luft. Ihre Sucht nach Erfolg war nie ihre eigene gewesen, nicht sie, sondern die anderen waren besessen davon, so sehr, dass Menschlichkeit sie nicht mehr kümmerte.
Ihr stockender Atem füllte sich mit Wut. Mit dem Geschehen auf der Leinwand hatte sie nichts gemein, wollte sie nichts gemein haben, sondern sich so weit wie möglich abgrenzen von dieser vollkommenen Frau, die in eine sterile, von Überlegenheit durchtränkte Konkurrenz mit ihr getreten war. Marlous Sensibilität, die sie zu hohem Preis erworben hatte, war der anderen in die Wiege gelegt worden, ohne dass diese je hatte leiden müssen.
Mit einem letzten Blick auf ihr filmisches Ebenbild rannte Marlou nach vorne vor die Leinwand. Das Licht des Projektors blendete sie, das Publikum verzerrte sich zu dunklen Schatten. Sie spürte dessen Aufmerksamkeit so heiß auf sich wie die Projektion des Films. Vermutlich legte sich die Nase der anderen gerade auf ihre, deren Augen sich auf ihre Augen, deren Mund sich auf ihren eigenen.
»Das ist seelenlos«, schrie sie und zeigte auf die Leinwand. »Ihr wollt doch Verletzlichkeit, ihr wollt uns doch leiden sehen, uns bewundern, begehren und hassen!« Je mehr ihre Augen sich an das gleißende Licht gewöhnten, desto mehr klärten sich die Umrisse vor ihr. Aus den Konturen wuchsen Gesichter. Dann sah Marlou sie.
In der Mitte der ersten Reihe saß die Frau, die ihr mehr ähnelte als sie sich selbst – ihre makellose, plötzlich real gewordene Doppelgängerin aus dem Film. Marlou stürzte auf die andere zu, die sich schützend die Hände vors Gesicht hielt. Doch Marlou ließ sich nicht aufhalten, rammte die Fingernägel in deren Wangen, um die Kabel freizulegen, die Pixel, die unbelebte Technik, den Beweis für die Unmenschlichkeit. Dunkelrotes Blut sickerte aus den Schrammen, Hautfetzen sammelten sich unter Marlous Fingernägeln. Unkontrollierbares Lachen stieg in ihr auf und platzte aus ihr heraus. Sie hatten die andere lebendig gemacht, aber unsterblich würde diese nie werden. Sie bekamen die Kunst, die sie verdienten.
Alle Schwere fiel von Marlou ab. Ihre Doppelgängerin hatte ihr einen Gefallen getan, ihr das Gewicht der Perfektion abgenommen. Endlich kümmerte die Meinung der anderen sie nicht mehr. Endlich konnte sie die Künstlerin zeigen, die unter ihrer Scham wohnte, ihr Talent mit der Welt teilen. Sie griff an ihre Stirn in ihren Haaransatz, schloss ihre Hand zur Faust und riss sich ihr Gesicht ab, um ihr Innerstes zu enthüllen, ihre Verwundungen, und ihnen zu zeigen, wie wunderschön sie bluten konnte. Doch unter ihren Fingern spürte sie statt feuchter Wärme nur scharfe Kanten und kaltes Metall. Als Marlou mit der Hand am darunterliegenden Kabel hängenblieb, wurde ihr schummrig. Schemenhaft verzerrten sich die in Begeisterung getränkten Gesichter vor ihr. Marlou wollte weinen und konnte nicht. Mit Jubelschreien erhob sich das Publikum aus den Sitzen. Das Licht erlosch, Dunkelheit umschloss sie. Das letzte, das Marlou hörte, war trampelnder Applaus und Ronans Stimme. »Bravo«, rief er. »Bravo!«
