VON KATRIN KRAUSE
Eddy 2 wacht auf und stellt fest, dass die Wand über Nacht schon wieder näher gekommen ist. Er merkt es daran, dass der untere Teil des Bettes mitsamt seiner Füße und der Waden in die Wand glitchen – ui, wie das kitzelt. Eddy 2 zieht seine Beine aus dem Glitch. Sie jucken. Er steht auf und schaut aus dem Fenster. Der Himmel ist sommerblau und über Nacht sind alle Pools aus den Vorgärten verschwunden.
Eddy 2 putzt sich die Zähne und macht einen Miracle Morning. 5 Mal atmet er tief in die Bauchhöhle. 10 Seiten liest er in einem Buch. 8 Klimmzüge schafft er. Dann geht er in die Küche, um Proteine zu kochen. Am Kühlschrank steht ein Typ, der behauptet, ein Mitbewohner zu sein. Das kann natürlich sein, denkt Eddy 2. Der neue Mitbewohner hat kein Gesicht, bloß hautfarbene Fläche. Eddy 2 gibt ihm höflich die Hand und verschwindet.
Beim Verlassen des Hauses stolpert Eddy 2 auf den Stufen über Körper. Das muss ein schrecklicher Swimmingpool-Unfall gewesen sein, denkt er. Eddy 2 setzt sich auf ein Gravelbike und trampelt emsig.
Eddy 2 ist ein Mann, der keine Abkürzungen kennt. Also fährt er jeden Tag etwa 30 Minuten über die Ydyll Main Street zur Arbeit. Dabei liegt das Bürogebäude eigentlich nur 10 Minuten von seinem Haus entfernt. Aber es führt keine Straße dorthin. Auf der Ydyll Main Street laufen lauter Enttäuschte herum, aber bei genauerem Hinsehen stellt Eddy 2 fest: Es sind bloß seine Nachbarn.
Sein Nachbar Gonzo Gonzomann ruft und winkt wie bescheuert. Die Fassade seines Holzhauses glänzt wie begossen. In der Hand hält er eine leuchtend grüne Kanne und bewässert Hortensien, oder etwas anderes. Eddy 2 versteht nichts von Pflanzen. Weil Eddy 2 findet, dass sein Nachbar ein netter Typ ist, winkt er wie bescheuert zurück und jodelt.
Als Gonzo Gonzomann so alt war wie Eddy 2 jetzt, hatte er einen Traum. Er wollte glücklich werden. Deswegen ging er mit seiner Familie in den Wald. Gonzo Gonzomann wollte dort ohne sogenannte Zwänge leben. Doch es wurde nicht so, wie Gonzo Gonzomann sich das erträumt hatte. Ständig verliefen sich die Kinder im Wald und verhungerten und überall roch es nach Exkrementen.
Deswegen kaufte Gonzo Gonzomann ein Haus und setzte seine Familie dort hinein. Glücklich sind sie weder hier noch dort gewesen. Doch eine eigene Toilette zu haben – das ist manchmal schon alles.
Gonzo Gonzomann hatte seinen Vorgarten mit einer Armee fleißiger und zorniger kleiner Männer besiedelt. Aber vielleicht waren die auch von selbst gekommen. Vielleicht haben sie an dem Tag, an dem Gonzo Gonzomann seine Ehefrau das erste Mal »alte Schlampe« nannte, ihre spitzen roten Mützen durch den Mutterboden in die Welt gestochen.
Zwerge leben in einem großen Geflecht unter der Erde und liegen auf der Lauer. Sie warten darauf, dass jemand, der wütend ist, ihnen einen sonnenbeschienenen Platz in seinem Vorgarten anbietet, wo sie sich zeigen dürfen. Und dann vermehren sie sich. Und wenn Passanten vorbeikommen und sie nicht ernst nehmen wollen, passiert Schlimmes.
Katniss Everdeen trägt die Zeitung aus. Gonzo Gonzomann grüßt und winkt wie bescheuert und Katniss Everdeen grüßt und winkt wie bescheuert und Eddy 2 jodelt. Bei den Zwergen bleibt Katniss Everdeen stehen und lacht, weil die so hässlich sind und verbissen gucken. »Halt«, ruft Gonzo Gonzomann. Aber es ist schon zu spät. Ein Zwerg beißt Katniss Everdeen den Kopf ab und aus dem Hals blutet es auf die Hortensien, oder auf etwas anderes. Eddy 2 kennt sich nicht so gut aus mit den Pflanzen.
Patrick Bateman hält einen gelben Schlauch wie eine tropische Giftschlange und macht eine Balla-Balla-Geste. Er grüßt nicht, sagt aber, dass Katniss Everdeen das verdient habe, wenn sie so nah an die Zwerge gehe. Eddy 2 nickt und macht eine Balla-Balla-Geste zurück.
In Anbetracht all der Dinge, die passieren, ist es seltsam, zu einer Arbeitsstelle zu fahren, findet Eddy 2. Er fährt aber trotzdem. Als er von seinem Bike absteigt, glitscht sein Fuß in den Asphalt – au, wie das drückt. Nur mit Mühe bekommt er ihn wieder herausgezogen. So ein Ärger. Jetzt hat er Kratzer in seinen Sneakern.
Eddi 2 arbeitet bei einer Firma mit cleanem Logo und dem Mut zu weißen Teppichen. Die Firma verkauft: 1. Dinge, die niemand anfassen kann, 2. Dinge, die verschwinden. Beides ist auf dem Paradise Plateau nicht mehr wegzudenken. Seine Firma ist ein sicherer Arbeitsplatz – so ein Glück für ihn.
Das Firmengebäude ist ein gläserner Klotz. Statt Mauern hat jemand Scheiben eingebaut. Für bessere Zusammenarbeit. Alle Arbeitsplätze sind ergonomisch. »Clean Desk Policy« bedeutet, man darf mit seinem Arbeitsplatz nicht persönlich werden. Das ist Eddy 2 egal, er ist ohnehin in seinem ganzen Leben noch nie persönlich geworden.
Von dem seltsamen Verschwinden der Dinge auf dem Paradise Plateau bleibt das Firmengelände verschont. Noch nie ist hier etwas weggekommen. Nicht einmal ein Tacker. Im Gegenteil: Hier wird alles mehr. Liegt vielleicht an der »Clean Desk Policy«, überlegt Eddy 2, der in einem Raum mit 189 weißen Tischen steht. Eddy 2 hat drei Kollegen.
Eddy 2 setzt sich in ein Meeting. An einem Whiteboard steht sein Chef, Günther Jauch. »Wir wollen dem Kunden einen Mehrwert bringen und wir müssen uns immer fragen, worin …« Eddy 2 weiß nicht, was ein Mehrwert ist und es ist zu spät, um danach zu fragen.
Benny96 liegt während des Meetings mit dem Kopf auf der Tischplatte. Im Allgemeinen lässt die Performance des Kollegen zu wünschen übrig, finden Eddy 2 und der Chef. Benny96 ist ein armes Würstchen. Als er klein war, ist seine Familie bei einem mysteriösen Pool-Unfall ums Leben gekommen, und seitdem ist es auch nicht besser geworden. Und das, obwohl er sich bemüht. Letzte Nacht erst ist Benny96 die Extra Mile gegangen.
Weil Günther Jauch ein guter Chef ist, lässt er Benny96 mit dem Kopf auf der Tischplatte schlafen. Deswegen wird er doch niemandem einfach so den Kopf abbeißen. Schon wegen des weißen Teppichs nicht. Aber kündigen wird er ihm. Dann wird Benny96 bestürzt sein und nach Hause gehen. In seinem Keller wird ein seltener Wunschbrunnen stehen. Benny96 wird einen wirren Wunsch vortragen, der seine Karriere betrifft. Er wird ihn falsch betonen, weil er so müde ist. Dann wird der Wunschbrunnen sich räuspern und Bennys Kopf abbeißen und das Blut aus seinem Hals wird auf die weißen Fliesen spritzen. Armer Benny96, nichts konnte er richtig machen.
Günther Jauch ist verständnisvoll und gutaussehend, findet Eddy 2. Eddy 2 wäre gerne wie Günther Jauch. Eddy 2 ist der Auffassung, dass es einen geheimen Ort geben muss, an dem sich wohlhabende Menschen treffen, die für alles eine Abkürzung haben. Aber die Geheimnisse dürfen nicht geteilt werden. Nur fair, denkt Eddy 2. Wenn er selbst an der Reihe wäre, würde er das Geheimnis bestimmt auch nicht verraten.
Günther Jauch kennt sie wirklich alle: Kaching, Rosebud, Motherlode. Schon 89 Mal hat er sein Vermögen mindestens verdoppelt: Money (all). Er weiß, dass er ein Vorbild ist. Er weiß, dass alle gern sein Leben führen würden. Und wenn er ihnen sagt, dass sie könnten, dann lieben sie ihn noch mehr. Nennen ihn Boss, Inspiration und manchmal Guru. Günther Jauch lacht dann und genießt, solange er noch kann. Denn über das Ende aller Tage macht Günther Jauch sich keine Illusionen.
Am Ende aller Tage, weiß der Chef, wird jeder müde sein. Und niemand wird mehr Lust auf etwas haben. Halbherzig werden sie in Häusern sitzen. Halbherzig werden sie Geld ausgeben. Und dann wird ein Meteorit in das Paradise Plateau einschlagen und kein Simoleon wird Günther Jauch retten können – so wenig wie die Extra Mile Benny 96 retten konnte. Niemand ist zu retten, wenn große Zerstörer sich berufen fühlen.
Beim Verlassen seines Arbeitsplatzes ist Eddy 2 in Gedanken. Er setzt sich auf sein Gravelbike und fühlt sich schrecklich. Er fährt die Ydyll Main Street entlang und fühlt sich schrecklich. Er steigt über Körper und fühlt sich schrecklich. Er putzt seine Zähne, atmet 5 Mal tief in seine Bauchhöhle, liest 10 Seiten in einem Buch, schafft 7-einhalb Klimmzüge und fühlt sich schrecklich.
Eddy 2 will sich ins Bett legen, doch das ist verschwunden. Er legt sich auf den Boden und wünscht, er könnte von einem anderen Ort träumen als dem Paradise Plateau. Aber das kann er beim besten Willen nicht, deswegen hofft er darauf, dass die Wand bleibt, wo sie ist.
Auf Nadias Oberschenkeln ist der Laptop heiß geworden. Auf ihrer Haut hat er Quadrate und Kreise hinterlassen. Nadia speichert das Spiel und klappt das Gerät zu. Eigentlich hat sie keine Lust mehr auf das Paradise Plateau.
Sie öffnet ein Fenster. Draußen ist nichts los, bloß ein paar Sterne und ein entlaufener Hund. Nadias Sofa riecht nach Hackfleisch. Nadia kann das nicht leiden. Am liebsten würde sie F3 drücken, Kaufmodus. Dann würde sie K drücken und mit dem Hammerwerkzeug alle Wände löschen und sich eine neue Wohnung bauen. Aber das wird nicht gehen. Nadia hat Schulden. Dass sich Wände nicht bewegen lassen, findet Nadia, ist das größte Problem.
Weil sie so lange gespielt hat, muss Nadia sich jetzt mit Einschlafen beeilen: Damit sie morgen auf der Arbeit ausgeruht ist. Auf keinen Fall darf sie wieder mit dem Kopf auf der Tischplatte einschlafen. Sonst kommt ihr Chef morgen wieder so nah und will, dass sie ihn Inspiration oder vielleicht sogar Guru nennt.
Nadia macht das Licht aus und wünscht sich, sie könnte von etwas anderem träumen als von Schulden und einem Computerspiel für Kinder. Doch das kann sie nicht, beim besten Willen nicht.
Morgen wird sie arbeiten gehen, Hackfleisch braten und sich mit dem Laptop ins Bett legen. Dann wird sie Eddy 2 zur Arbeit schicken und ein paar Leute in den Tod. Bald schon, sie spürt es, wird ein Meteorit einschlagen auf dem Paradise Plateau und das wird alles ändern.
