VON PHILIP KRÖMER

Man kann nicht sagen, dass sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überlässt ihnen alles.
– Franz Kafka: Ein altes Blatt

Die Schicht beginnt bei Sonnenaufgang und dauert bis zur Besinnungslosigkeit. Das ist nicht ungefährlich. Kollegen geraten im Zustand größter Zermürbung mit den Händen zwischen die Druckplatten, und dann tauchen in den Köpfen unserer Kunden lose Finger auf, zerquetschte Gliedmaßen, zertrümmerte Knochen.

Ich bin jung. Ich habe noch alle Finger, meine Frau ist tüchtig, ein erstes Kind ist unterwegs, das wir in tiefster Erschöpfung in unserer rußschwarzen Mietskaserne zeugten. Gemeinschaftstoilette auf dem Gang. Fließend Wasser nur im Hinterhof.

Heute fertigen wir eine Serie handlicher Geistesblitze für eine große Abendgesellschaft. Da der Inhalt nicht festgelegt ist, sondern sich aus dem Vorwissen des Konsumenten speist, sind sie kaum daumennagelgroß. Von einem Vorarbeiter, der auf einer solchen Zusammenkunft war, um eine defekte Zapfanlage zu reparieren, weiß ich, dass sie in kleinen Schälchen dargereicht werden. Wer im Gespräch nicht weiterweiß, darf zugreifen und sich vom eigenen Unterbewusstsein überraschen lassen.

Wir produzieren in der Fabrik aber nicht nur Häppchen. Auch bedeutende Ideen laufen von unseren Bändern. Wann immer ein Großauftrag über mehrere tausend Exemplare »Staatstreue« bei uns eingeht, wissen wir, dass irgendwo im Land Unruhen ausgebrochen sind.

Wie die Übertragung der Idee von der physischen Plakette, als die sie unsere Fabrik verlässt und anschließend in Papier eingeschlagen in den Läden ausliegt, in die Köpfe der Konsumenten vonstattengeht, ist unklar. Entweder wird dieses Wissen unter Verschluss gehalten oder diese Idee stammt selbst von einer Plakette unbekannten Ursprungs.

Bei der Nutzung kommt es darauf an, dass die Konsumenten der Idee ihre Aufmerksamkeit widmen. Streifen sie sie mit einem flüchtigen Blick, passiert nichts. Erst, wenn sie sich näher mit ihr befassen, überträgt und verbraucht sie sich. Dann ist es, als wäre sie ihnen selbst eingefallen. Das Blech kann anschließend recycelt werden.

Es gibt auch gefährliche Ideen, waffenfähige Einfälle und zerstörerische Grübeleien, deren Produktion gesetzlich verboten oder streng reguliert ist. Angeblich sind geheime Fabriken mit ihrer Herstellung betraut. Besonders talentierte Arbeiter erhalten eine Beförderung, packen ihre sieben Sachen und werden nie wieder gesehen.

Außerdem hört man von illegalen Pressen, die im Untergrund betrieben werden und unlizenzierte Ideen hervorbringen. Wer dabei erwischt wird, ob bei der Produktion, Verbreitung oder bei Erwerb und Nutzung, wird unmittelbar mit dem Tode bestraft. Manche nehmen das Risiko in Kauf. Wenn etwa jemand seine Frau zu einer für sie ruinösen Scheidung verleiten oder einen ungeliebten Konkurrenten ausstechen will. Damit ist sicher gutes Geld zu verdienen. Doch meine Berufsehre ist makellos. Außerdem steht zu viel auf dem Spiel.

Die Pfeife ruft zur Mittagspause. In der Kantine essen wir schweigend, Unterhaltungen werden nicht gern gesehen. Die Zeit ist ohnehin knapp bemessen. Statt eines Nachtischs gibt es heute die handtellergroße Idee, sich auf die abendliche Ausstrahlung der Präsidentenrede zu freuen. Niemand wagt es, die Idee unangetastet zurückgehen zu lassen. Ich bin gespannt, was unser großer Lenker heute mitzuteilen hat. Seine Reden sind die Höhepunkte meiner Tage.

Bis zum Schichtende schaffen wir unser Pensum nicht. Am Walzwerk ist ein Kollege ausgefallen. Der Vorarbeiter brachte ihm noch eine Durchhalteplakette, doch der Mann kollabierte neben seiner Maschine. Heute kommen wir nicht pünktlich nach Hause.

Als das Soll endlich erfüllt ist, entlassen uns die Fabriktore in den späten Abend. Nur jede dritte Straßenlaterne brennt, um Energie zu sparen. In den dunklen Zwischenräumen lauern Wegelagerer, die einem aus unbeleuchteten Nischen heraus die Idee eingeben, den Inhalt der eigenen Jackentaschen auf den Boden zu leeren und schnell weiterzugehen. Erst zu Hause bemerkt man, dass man ausgeraubt wurde, doch weggeworfen hat man seine Habe ja selbst. Wen wollte man dafür anzeigen? Immerhin davor bin ich gefeit. Ich besitze nichts von Wert, das anderer Leute Begehrlichkeiten wecken könnte.

Minna erwartet mich mit ihrem runden Bauch und den dunklen Augenringen. Die Präsidentenrede im Fernsehen hat bereits angefangen, auf ihre Fragen kann ich kaum eingehen. Sie erzählt von einer Kollegin in der Traumspinnerei, die nach einer Fehlgeburt ihre Babysachen günstig abgibt. Windeln, Wippen und Häubchen. Ein Schnäppchen. Und alles unbenutzt. Mehr als ein halbes Ohr habe ich dafür nicht übrig. Und bis der Präsident seine Rede beendet hat, ist Minna auf unserem durchgesessenen Sofa vor Erschöpfung eingeschlafen.

Mitten in der Nacht werde ich von einem Klopfen an der Wohnungstür wach. Minna schläft weiter. Seit Beginn ihrer Schwangerschaft laugt die Arbeit in der Spinnerei sie mehr aus, als die wenigen Stunden Erholung wettmachen könnten. Jemand ist draußen auf dem Gang. »Hallo?«, höre ich eine mir unvertraute Stimme durch das Holz. »Gehen Sie weg!«, sage ich. »Um diese Uhrzeit öffne ich niemandem. Da ist nur Gesindel unterwegs.« »Wo Sie recht haben«, sagt die Stimme.

Unter der Tür wird etwas Flaches hindurchgeschoben und kommt vor meinen nackten Füßen zum Liegen. Ich nehme es in Augenschein. Es handelt sich um eine Idee. Das Fabrikat ist mir nicht bekannt, aus unseren Maschinen stammt sie jedenfalls nicht. Ohne zu zögern, öffne ich die Tür und folge dem forteilenden Boten, der sie mir überbracht hat. Im Nachthemd verlasse ich das Haus.

Wir durchqueren einige verlassene Gassen und Hinterhöfe, schieben uns an Mülltonnen vorbei und weichen einem geifernden Kettenhund aus. In allen Fenstern Dunkelheit, nur hier und da sind die ersten Werktätigen schon wieder auf den Beinen, in Backstuben oder Bahnhöfen.

Zuletzt erreichen wir eine Brache am Stadtrand, in deren Mitte ein dem Verfall preisgegebenes Haus steht. Durch seinen Keller gelangen wir in den Unterschlupf einer Gruppe Widerständler. Plakate an den Wänden und stapelweise Pamphlete. Ich nenne die Losung, als hätte ich sie immer gewusst. Man lässt mich ein wie einen Freund.

»Der Techniker ist da.« Junge Frauen und Männer liegen in dem niedrigen Raum verstreut um eine umgebaute Druckpresse wie Trinker um ein Weinfass. Die meisten schlafen, nur wenige blinzeln mich an. Der Bote ist verschwunden. Stattdessen nimmt eine mittelalte Frau sich meiner an. »Schön, dass Sie es wieder einrichten konnten«, sagt sie. Ich antworte: »Selbstverständlich.« Von ihr bekomme ich die nächste Idee überreicht. Ich mache mich daran, die defekte Presse zu reparieren.

Jemand hat an dem schweren Gerät Modifikationen vorgenommen, um mit ihm illegale Ideen in hoher Menge stanzen zu können. Im Setzblock hat sich eine Ideenmatrize verkeilt, die dort nicht hingehört. Kaum, dass ich sie herausgelöst habe, überkommt mich ein rasender Zorn auf den Präsidenten, dessen Ansprachen plumpe Propaganda sind und der sein Volk jeden Tag tiefer ins Elend treibt. Unter Verwendung neuartiger Ideen versucht er, jedes Aufbegehren gegen sein unersättliches Machtstreben von vornherein zu verhindern. Nicht lange, dann ist jede Gelegenheit, sich ihm entgegenzustellen, verstrichen. Er muss sterben und ich bin der Mann, der das bewerkstelligen wird. Die weiteren Mängel, die am Presswerk der Maschine noch zu beheben wären, müssen warten.

Auf dem Weg nach draußen ringen mich zwei der inzwischen aufgewachten Widerständler zu Boden, obwohl ich doch in ihrem Sinn handeln will. »Lasst mich ihn töten!«, schreie ich.

»Du hilfst der Sache am meisten«, entgegnet die Frau von vorhin, »indem du uns als Mechaniker auf Abruf die Stanze flottmachst, wenn sie streikt. Nur mit ihr haben wir eine Chance. Wir sind dir unendlich dankbar für deinen Einsatz. Ich verabreiche dir jetzt die Idee, dass dein nächtlicher Besuch bei uns nur ein wilder Traum war. Als solchen wirst du ihn gleich nach dem Aufwachen vergessen.«

»Ich bin einer von euch!«, brülle ich. Der Mann, der meine Arme am Boden festhält, gibt zu bedenken: »Wir würden uns auch den Aufwand mit dem Kurier und den zusätzlichen Ideen sparen …« »Es ist sicherer für uns alle, wenn er sich an nichts erinnert«, unterbricht ihn die Frau barsch. »Dreimal ist es schon gutgegangen. Sein Vorgänger hat es auf fünf Reparaturgänge gebracht, dann sind sie ihm auf die Schliche gekommen. Hätte er sich zu dem Zeitpunkt an uns erinnert, würden wir uns jetzt nicht unterhalten.« Damit ist die Diskussion beendet. »Viel Glück«, sagt sie zu mir, zieht eine Idee mit gewellten Rändern aus ihrer Jackentasche und ich erwache.

»Ich hatte den seltsamsten Traum«, sage ich beim Frühstück zu Minna. Draußen ist es noch dunkel, die vorbeirumpelnde Tram lässt unser Besteck auf dem Tisch klappern. »Schon wieder?«, fragt Minna. »Sind deine Füße dreckig?« Meine bloßen Sohlen starren vor Schmutz. »In der Fabrik darf niemand erfahren, dass du schlafwandelst. Die werfen dich sonst als Schadhaften raus. Wir können auf dein Gehalt nicht verzichten, wenn das Baby kommt. Wir dürfen nicht mehr so lange fernsehen. Wenn ich nicht eingeschlafen wäre, hätte ich den Türschlüssel versteckt. Damit du wenigstens nur in der Wohnung herumgeisterst.« 

Mitten in der nächsten Schicht wird die gesamte Belegschaft in die Kantine zitiert, die Produktion setzt aus, der Direktor hat vor versammelter Belegschaft eine Ansage zu machen: »Soeben haben die Nachrichtenstationen verkündet, dass unser geliebter Präsident von einem Attentäter hinterrücks ermordet wurde. Das Komitee tritt zusammen. Es besteht kein Anlass zur Unruhe. Um das Volkswohl sicherzustellen, werdet ihr in unbezahlten Doppelschichten eine befriedende Idee herstellen, die umgehend an alle Bürger ausgegeben wird. Eine entsprechende Matrize ist im Zentralbüro immer vorrätig und bereits hierher unterwegs. Alle weiteren Produktionen werden aufgeschoben. Ihr werdet sie im Anschluss nacharbeiten. Man zählt auf uns. An die Arbeit!« Doch bevor wir noch an unsere Maschinen zurückkehren können, eilt ein Arbeiter aus dem Polierwerk die wenigen Stufen zur Empore hinauf, von der aus der Direktor zu uns spricht, und schlägt ihm einen schweren Schraubenschlüssel auf die Stirn. Dem Direktor läuft Blut aus beiden Nasenlöchern.

Und damit beginnt das Morden. Frauen stürzen ihre Schwiegerväter aus den oberen Stockwerken, Schüler ertränken ihre Lehrer, Mobs machen Jagd auf Polizei und Ordnungsbeamte. Es scheint, als hätte jemand eine revolutionäre Idee in Umlauf gebracht, die sich ungebremst verbreitet und bei deren Herstellung gepfuscht wurde. Nach dem ersten Tyrannenmord folgen immer weitere. Jeder, der sich widerrechtlich über einen anderen erhob, und sei es allein nach dessen persönlichem Maßstab, muss diesen fürchten.

Bald ist die Rebelleneinheit ausfindig gemacht, die für das Chaos verantwortlich ist, doch hat sie sich inzwischen selbst soweit reduziert, dass kaum Überlebende festgesetzt werden können. Die übrigen wurden von ihren Untergebenen niedergemacht oder starben im Kugelhagel.

Lange bleibt rätselhaft, wie die Idee aussieht und wie sie sich verbreitet. Damit fehlt jeder Ansatz, sie zu neutralisieren. Schließlich wird aufgedeckt, dass die Truppe als Falschmünzer eine Idee verbreitet hat, die als Geldstücke mit dem kleinstmöglichen Wert getarnt ist. Eine derart massive Idee auf eine so winzige, filigrane Plakette aufzubringen, zugleich den für die Tarnung nötigen Platz auszusparen und das Ganze stabil genug anzulegen, sodass bei der Massenproduktion kein Qualitätsverlust stattfindet, ist kaum möglich. Entweder wussten die Widerständler nicht um diese Probleme oder sie waren ihnen egal.

Niemand kann abschätzen, wie viele Exemplare im Umlauf sind. Die Behörden sind zur Tatenlosigkeit verdammt. Sobald nämlich jemand auf ein mit der Idee versetztes Geldstück aufmerksam wird, etwa beim Nachzählen des Wechselgelds, geschieht der nächste Mord. Die tödlichen Münzen schlummern in Registrierkassen, Geldbeuteln, Ticketautomaten und in jedem sonstigen Eck, in das der Krake des Bargeldsystems seine Tentakel streckt.

Minna und ich haben uns für eine Hausgeburt entschieden. Die Krankenhauskosten müssten wir ohnehin in Raten abstottern. Wir hoffen, dass es keine Komplikationen gibt, und werden außer ihrer Mutter als behelfsmäßiger Hebamme weiterhin niemanden in die Wohnung lassen. Die Fabrik ist geschlossen. Wir leben von dem wenigen Ersparten, das wir für die Ausbildung unseres ungeborenen Kindes zurückgelegt haben. Jeder Einkauf ist ein lebensgefährliches Wagnis, jede Fahrt mit der Tram ein Spießrutenlauf. Nicht selten geschieht es, dass ich innerhalb eines Tages Zeuge gleich mehrerer Morde werde.

Aufs Land hinaus können wir auch nicht ziehen, wo die Besiedelung weniger dicht ist und das Risiko, zufällig Täter oder Opfer zu werden, geringer. Diese Fluchtmöglichkeit ist den Reichen vorbehalten, die eh nur mit großen Scheinen bezahlen. Experten vermuten, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle mörderischen Münzen ihre Wirkung entfaltet haben und die Gefahr gebannt ist. Wenn wir nicht verhungern wollen, komme ich nicht umhin, mir einen neuen Job zu suchen. Ich habe noch alle Finger. Fleißige Arbeiter werden immer gebraucht. Vor meiner ersten Lohntüte aber habe ich fürchterliche Angst.

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