VON BJÖRN BISCHOFF
»Freie Parkplätze für Mitarbeiter« (Stellenanzeige.)
1
Im Sommer fällt der Schatten des Parkhauses auf das Bürogebäude. Die Mitarbeitenden reden von Glück, dass es deshalb in ihren Büros nicht so heiß wird. Elias hört, wie sie es auf den Fluren sagen, ein Glück, dass es nicht so heiß wird, sagen sie, es ist draußen kaum auszuhalten, und manchmal schaut jemand währenddessen durch die Tür des Büros von Elias zu den Fenstern, durch die das Parkhaus zu sehen ist, wie um sicherzugehen, dass sich das Parkhaus noch dort befindet, vor den Fenstern.
2
Es ist der Sommer, in dem die Toten in dem Parkhaus parken. Die Anweisung kommt von ganz oben, hieß in einer Mail der Geschäftsführung, mehr erfährt Bioy nicht, der in dem Pförtnerhäuschen neben Einfahrt und Ausfahrt sitzt, nur so viel steht dort, dass die Kosten über eine Kooperation gedeckt seien und durch die Maßnahme die Auslastung des Parkhauses erhöht werden solle.
Bioy hat sich sein ganzes Leben keine Gedanken über die Toten gemacht. Seine Mutter starb, als er sieben Jahre alt war. Er erinnert sich wenig an die Tage und Nächte in der Klinik.
Kaum hat er die Mail auf dem kleinen Bildschirm des Rechners gelesen, fahren die ersten Toten mit ihren Wagen vor.
Bioys Arbeitsvertrag sieht vor, dass er die Kontrolle über den Zugang zum Parkhaus ausübt, die Kommunikation mit der Verwaltung des Parkhauses übernimmt und für die Sicherheit der Menschen wie Fahrzeuge in den elf Etagen sorgt. Bioys Arbeitsalltag sieht vor, dass er in dem Häuschen sitzt, den Leuten in den Autos zunickt und die Schranke fürs Einfahren oder Ausfahren öffnet. Mit seinen Kollegen teilt er sich die drei Schichten, sodass in dem Pförtnerhäuschen an jedem Tag im Jahr rund um die Uhr jemand sitzt und die Schranke bedient.
In dem ersten Wagen sitzt eine Frau, die eine Platzwunde am Kopf hat. Das getrocknete Blut bedeckt fast ihre ganze linke Gesichtshälfte. Sie lächelt Bioy durch das Seitenfenster ihres Autos an. Bioy hört, wie die Musik aus ihrem Auto dröhnt, ein karger Popsong, dessen Name ihm nicht einfällt. Bioy meint, dass er die Melodie aus einem Film kennt. Er öffnet das Fenster seines Pförtnerhäuschens, die Frau lässt ihr Fenster hinunter. Die Musik stürzt in den Raum, bevor sie das Radio leiser dreht, ohne den Blick von Bioy abzuwenden. Er schweigt einen Moment, bevor er die Frau bittet, dass sie mit ihrem Auto doch in einer der oberen Etagen parken möge, möglichst in der siebten Etage oder darüber (jetzt wird er lauter, um die Musik zu übertönen), da es in nächster Zeit zu Sanierungsarbeiten im Parkhaus komme und die Firma noch kein Absperrband aufgehängt habe. Die Frau nickt, zwinkert ihm zu. Bioy bemerkt den Geruch, der von ihr ausgeht, ein Geruch nach Desinfektionsmittel und Kerzenwachs. Er drückt den Knopf an seinem Schaltpult, der die Schranke öffnet. Er schaut dem Auto hinterher, dann blickt er auf die vier Monitore vor sich, auf denen die bläulichen Bilder der Überwachungskameras zu sehen sind. Mittels Konsole schaltet Bioy zwischen den siebenundzwanzig Sicherheitskameras im Parkhaus hin und her, bis er das Auto der Frau auf dem linken oberen Monitor sieht. Erst jetzt fällt ihm die zerstörte rechte Seite auf, die eingedrückte Beifahrertür, die aufgerissene Karosserie. Sie stellt ihren Wagen auf der zweiten Etage ab.
3
Im vergangenen Winter fanden sie den Körper eines Obdachlosen im Parkhaus. Er lag auf der sechsten Etage auf dem Parkplatz J89. An dieser Stelle ist das Parkhaus windgeschützt, wie auf dem Online-Portal der Regionalzeitung stand.
Was auf dem Online-Portal der Regionalzeitung nicht stand: Dass sich der Körper des Obdachlosen auf dem Parkplatz J89 zusammenkrümmte, während er verbrannte; wie sein Körper dort dampfend lag, als die Einsatzkräfte eintrafen.
Elias denkt es sich jedes Mal, wenn er Parkplatz J89 besucht und den dunklen Umriss auf dem Betonboden sieht. Er geht oft vor oder nach der Arbeit an dem Parkplatz J89 vorbei, stets in gebückter Haltung, als ob er auf dem Boden nach einem verlorenen Schlüssel suche, falls ihn jemand auf sein Verhalten anspricht.
4
Die Toten fahren anständig mit ihren Autos. Sie drängeln nicht, sie hupen nicht. Die Toten lassen ihre Autos über Nacht stehen, was Bioys Kollegen und ihn nicht stört. Auf den Monitoren sehen sie, dass die Toten in ihren Autos übernachten. Überhaupt steigen die Toten selten aus. Wenn sie aussteigen, umrunden sie ihre Autos oder treten an das Geländer der Parketage, stets zu der Seite, die zum Bürogebäude geht, und blicken eine Weile dorthin. In ihren Autos hören sie alle Musik, laut aufgedreht. In dem Parkhaus herrscht seit der Kooperation dauerhaft ein Lärm, der sich aus verschiedenen Schlagern, Popsongs, klassischen Sinfonien und Rockmusik zusammensetzt. Bis jetzt hat sich niemand beschwert, weshalb Bioy und seine Kollegen es zu ignorieren versuchen.
»Kommt dir das nicht unheimlich vor?«, fragt ihn sein Kollege beim Schichtwechsel, »sitzen dort und hören sich Every Breath You Take an, zumindest die Tante in der zweiten Etage, rauf und runter, rauf und runter. Erkenne ich sogar bei den geschlossenen Autotüren. Wie oft kann man einen Song in Dauerschleife hören?«
Bioy merkt, dass ihm der Gedanke bisher gar nicht kam, dass daran etwas unheimlich sein könnte. Was hatten die Toten sonst zu tun? Und was war an dem Lied verkehrt?
In der fünften Woche der Kooperation fährt Bioys Mutter vor. Sie fährt einen alten Mercedes, wie sie ihn früher fuhren, das gleiche Modell, wie es sein Vater nach dem Tod der Mutter verkaufte, jetzt nur in einer anderen Farbe, einem schweren Grau. Seine Mutter lächelt nicht, Bioy ist sich nicht einmal sicher, ob sie ihn erkennt. Sie lässt das Fenster nicht herunter, sondern nickt ihm nur auffordernd zu. Bioy kennt ihr Lächeln von alten Fotos. Er verharrt eine Weile in seinem Pförtnerhäuschen, vielleicht ein, zwei Minuten, bevor sie ihm mit den Händen zu verstehen gibt, dass er etwas tun solle. Bioy lässt die Schranke hoch und als der Mercedes bereits die Auffahrt zur ersten Etage nimmt, hebt er vorsichtig die Hand, als ob er winken wolle.
5
Elias schaut von seinem Büro zum Parkhaus. Er stellt sich vor, dass das Parkhaus das Bürogebäude wie eine Mauer umgibt. Von der Fensterseite, auf der sein Büro liegt, lässt sich ausschließlich das Parkhaus sehen. An den Außenwänden wächst Efeu in die Höhe, bald muss er wieder geschnitten werden. Wenn Elias sich nach vorne beugt und sein Gesicht so nah an das Fenster legt, dass sein Atem auf der Scheibe beschlägt, kann er bis zum äußersten Rand des Parkhauses schauen und sieht, dass es keine Mauer, sondern nur ein Gebäude wie alle anderen Gebäude ist. Der Anblick beunruhigt ihn, weswegen er nur alle drei, vier Tage sein Gesicht an die Scheibe drückt. Elias sieht nie Menschen in dem Parkhaus, weder von dort noch von seinem Arbeitsplatz aus. Vielleicht arbeitet er zu vertieft, denkt er; dass er nicht bemerkt, wie sich die Autos durch die Etagen schieben. Wie der Zufall so will, denkt er, wenn er zum Parkhaus blickt, und arbeitet weiter. Auf seinem Schreibtisch hat Elias eine Engelsfigur aus Zinn stehen, direkt unter dem Bildschirm, auf dem er Zahlen in einer fortlaufenden Tabelle ändert, was wiederum andere Zahlen in der Tabelle verändert. Jede Zahl steht für einen Prozess im Büro. Eine Nachricht kommt von einem Mitarbeitenden und geht zu einem anderen Mitarbeitenden, das ist eine Sieben. Eine Nachricht bleibt bei einem Mitarbeitenden, das ist eine Sechs. Elias arbeite als ein Übersetzer, sagt er manchmal, er erfasse die Essenz des Büros in dieser Tabelle. Wer lange genug auf diesen Bildschirm schaut, sagt er, der versteht diese andere Sprache, die für ihn mehr sichtbar macht als Wörter.
Wenn er die Engelsfigur anfasst, riechen seine Finger für den Rest des Tages danach und jedes Mal erinnert es Elias an die Schwere der kleinen Figur.
6
Bioy meldet sich an diesem Tag bei seinem Kollegen und bittet darum, dessen anschließende Schicht übernehmen zu dürfen, ja, er wisse, bis wann die nächste Schicht gehe, aber eine Doppelschicht käme ihm gelegen und hätte der Kollege nicht sowieso noch einen gut bei ihm? So sitzt Bioy noch in seinem Pförtnerhäuschen, als die Sonne untergeht. Er hängt ein Schild an die Scheibe, auf dem steht, dass er gleich zurückkehrt.
Im Erdgeschoss parken die Dauermieter, jene Mitarbeitenden, die das ganze Jahr unterwegs sind, vom Büro mit dem Taxi zum Flughafen fahren und für Monate verschwinden, die nur an einem Frühlingstag auftauchen, um das Auto zur Hauptuntersuchung und wieder zurückzufahren. Bioy kennt ihre Gesichter, obwohl er sie nur einmal, zweimal im Jahr sieht, spricht sie mit ihren Namen an und sie sprechen Bioy mit seinem Namen an.
In der ersten Etage parken die Mitarbeitenden, die es eilig haben. Wenn sie aussteigen, schauen sie auf ihr Smartphone. Was sie dort sehen, weiß Bioy nicht. Sie tippen dann schnell auf den Bildschirmen. Manchmal nehmen sie die Geräte und flüstern eine Nachricht direkt hinein.
In den zehn Etagen darüber parken die anderen, die nicht unterwegs sind, die es nicht eilig haben und in dem Bürogebäude verschwinden. Die meisten freien Parkplätze befinden sich in diesen Etagen. Die Toten stellen ihre Autos dort ab.
Bioy sucht nach dem Mercedes in der sechsten Etage. Er weiß, dass der Wagen dort steht. Er hat es auf den Monitoren gesehen. Die Welt erscheint ihm jedes Mal so anders als auf den Bildschirmen, wenn er sich auf den Weg durch das Parkhaus macht. Der Boden unter ihm fühlt sich weich an. Das Licht vertreibt jeden Schatten. Der Geruch in den Etagen erinnert Bioy an Farbe und Metall.
Als er den Mercedes findet, bleibt Bioy in Abstand stehen. Er sieht auf der Fahrerseite in den Wagen. Seine Mutter sitzt angespannt auf dem Sitz, die Hände am Lenkrad. Bioy überlegt, ob er an die Fahrertür klopfen solle. In der Mail der Geschäftsführung stand nur etwas von professioneller Diskretion gegenüber den Toten, jedoch keine genaue Erklärung, was darunter zu verstehen sei. Dann dreht sich seine Mutter zu ihm um und schaut ihn an.
7
Die Mitarbeitenden mögen Elias. Sie winken ihm auf den Fluren zu. Er winkt zurück. In der Kantine sitzt er nie allein an einem Tisch. Selbst die Pförtner im Parkhaus grüßen ihn überaus freundlich, wie einen alten Bekannten. Nur in seinem Büro sitzt er allein vor dem Bildschirm. Seine Tür stehe immer offen, was er nicht nur in den Evaluationsgesprächen so sagt, sondern auch vorlebt, wie er in den Evaluationsgesprächen sagt und dabei mit Nachdruck nickt.
Alle drei Wochen schickt Elias eine Mail mit den wichtigsten Änderungen in der Tabelle als Reporting an die Geschäftsführung. Innerhalb von zehn Minuten erhält er jedes Mal eine Empfangsbestätigung mit einem Dank für seine gute Arbeit.
8
Bioy überlegt, ob er umdrehen, die Monitore abschalten soll, ob er das Pförtnerhäuschen für die ganze Schicht verlassen kann, ob es jemandem auffallen würde, wenn er sich in den Mercedes setzt. Bioy hört, dass ein anderer Wagen unten an der Schranke vorfährt und hupt, was ihn zittern lässt. Seine Hände verkrampfen sich. Seine Mutter blickt ihn durch die Scheibe an und Bioy weiß nicht, wie er reagieren, ob er sie ansprechen soll. Ihr Gesicht sieht aus wie auf den Fotos, die er in dem Album im Bücherregal verwahrt. Auf seinem Smartphone hat er kein Bild von ihr. Erst jetzt fällt ihm auf, wie heiß es in dem Parkhaus ist, die Hitze hat sich über den Tag in den Etagen gestaut. Die Sonne wird bald untergehen. Gedämpfte Musik dringt zu Bioy. Er geht auf den Wagen seiner Mutter zu. Auf ihrem Gesicht kann er nicht ablesen, ob sie ahnt, wer er ist, ob sie den Jungen erkennt, den sie auf dem Foto in den Armen hält, hinter ihnen der Garten und die Apfelbäume und die Sommersonne und ein Kinderfahrrad im hohen Gras.
Seine Finger entspannen. Bioy hat sich entschieden, bevor er es selbst merkt.
9
Das Auto steht auf J89. Als Elias es entdeckt, bleibt er mitten auf dem Parkdeck stehen. Der Mercedes verdeckt den dunklen Fleck auf dem Boden. Er blinzelt mehrmals, um das Auto fokussierter zu sehen, aber der Effekt stellt sich nicht ein. Es kommt ihm wie eine Sache vor, die nicht sein darf, obwohl er sich (leider) sicher ist, dass es keine Anweisung gibt, dass dieser Parkplatz nicht zu belegen sei. Elias macht ein paar Schritte auf das Auto zu, geht zur Fahrerseite hinüber. Seit ein paar Wochen gibt es die Kooperation, er weiß Bescheid. Er merkt, wie er seine Finger knetet, und hört damit auf, weil es eine unangenehme Marotte ist, die ihn selbst nervt. Der Mercedes, ein altes Modell, kommt ihm wie ein Fehler vor. Nie steht ein Wagen auf diesem Parkplatz.
Die Wagen der anderen Toten sind ebenfalls ältere Modelle, aber dieser Mercedes wirkt wie ein Sammlerstück, ein Oldtimer, der die meiste Zeit des Jahres in einer Garage steht. Es riecht nach Benzin in der Etage, stärker als in den anderen Etagen. Elias kann nicht sagen, ob es in den vergangenen Tagen nicht auch schon so war, aber da hatte er ja keinen Grund darauf zu achten, als er an den Umrissen des Verbrannten auf J89 nachging, die Hände in den Taschen, den Blick auf den Boden gerichtet.
Elias schaut in das Innere und sieht die leeren Sitze. Er knetet seine Finger, dieses Mal, ohne es zu merken.
10
Bioy lässt sich tiefer in den Sitz sinken. Warme Luft bläst ihm entgegen. Ein Glück, denkt er, dass der Sommer bald vorbei ist.
