VON JOE BLITGEN

Ich bin sieben Jahre alt und sitze auf meinem Bett. Das große Licht ist normalerweise ausgeschaltet, aber jetzt dringt es in jeden Winkel des Zimmers. Es überstrahlt die Nachttischlampen in Form von Pluto und Donald, die eben noch schwach geleuchtet haben, als wir nicht schlafen wollten.

Lena ist drei Jahre jünger als ich und macht unter sich. Ich bin stiller Beobachter und rühre mich nicht. Aus Angst. Und aus Erleichterung, dass es mich nicht erwischt hat. Meistens erwischt es mich. Unter die Angst und die Erleichterung mischen sich auch Schuldgefühle. Aber die kann ich noch nicht richtig deuten. Ich schaue einfach hin und hoffe, dass es aufhört.

Als Papa merkt, dass Lena sich eingenässt hat, hält er still. Er blickt einige Sekunden auf das nasse Laken und verlässt das Zimmer.

Lena heult und ich weiß nicht, was ich tun soll. Sie weint, bis Mama kommt, und streckt beide Arme nach ihr aus. Sie schwingen unwillkürlich auf und ab. Mama hebt Lena hoch, streichelt ihr über den Kopf und flüstert ihr etwas ins Ohr. Das Weinen hört langsam auf. Nach ein paar Minuten setzt sie Lena wieder ab, weil sie zu schwer wird. Über das, was gerade passiert ist, sagen wir nichts.

Die beiden gehen ins Bad, ich bleibe in dem grellen Zimmer sitzen. Es ist still und mein Herz schlägt so fest, dass ich es im Hals spüre. Ich schließe die Augen. Auf orangebraunem Hintergrund flackern hellblaue und gelbe Formen. Ich beobachte sie ganz genau, aber ich kann sie nicht festmachen. Sobald ich versuche, ihnen näher zu kommen, entgleiten sie in eine mir unzugängliche Sphäre und es entstehen neue. Das pulsierende Rauschen in meinem Kopf fließt mit dem vom Wasserhahn aus dem Badezimmer zusammen.

Als die beiden wieder im Schlafzimmer sind, hilft Lena das Bett neu zu beziehen. Damit der Urin auf der Matratze das neue Laken nicht gleich beschmutzt, müssen sie einen meiner wasserdichten Schoner dazwischen legen. Ich kann sehen, dass Lenas Wangen rot und geschwollen sind. Aber die feuchte Matratze schmerzt sie mehr als ihr Gesicht, das weiß ich genau. Das ist ihr nicht mehr passiert seit Mama uns erzählt hat, dass Kinder, die ins Bett machen, nicht mit ins Flugzeug nach Torremolinos steigen dürfen. Ich habe das nicht geglaubt und bin trotzdem mitgeflogen.

Als das Licht endlich gelöscht ist, drücke ich mir meine Decke ins Gesicht, damit vor meinen Augen wieder die orangen Formen erscheinen. Jetzt sind sie noch greller als vorhin. Der Duft der frischen Wäsche beruhigt mich und ich entspanne ein wenig. Ich halte mir den Stoff unter die Nase und atme so tief es geht.

Nach einer Weile höre ich Lena schluchzen. Ich hole sie zu mir ins Bett, wo sie besser schläft, obwohl ich ihr offensichtlich keinen Schutz bieten kann. Ich lasse sie an der Wand schlafen, weil sie Angst vor der offenen Seite des Bettes hat. Seit wir abends einmal allein ferngesehen haben, fürchtet sie sich vor Dämonen. Wir teilen uns die Decke, halten uns aber nicht. Auch Worte tauschen wir keine aus. Sie ändern sowieso nichts. Es dauert eine Weile, bis sich ihre Atmung beruhigt und Lena eingeschlafen ist.

Schlafen kann ich nicht. Ich betrachte das fluoreszierende Planetenmobile über meinem Kopf und denke darüber nach, wie es wäre, ein Geist zu sein. Durch Wände zu manövrieren und wegzufliegen. Überall hin zu können und unsichtbar zu bleiben. Länger als eine halbe Minute kann ich aber die Luft nicht anhalten, bevor der Atemreflex einsetzt. Normalerweise bekomme ich dabei Kopfschmerzen, aber diesmal nicht.

 

Als ich Monicas Blick bemerke, bin ich wieder da. Wir haben uns eine Weile nicht gesehen und ich war etwas überrascht, dass sie der Verabredung zugestimmt hat. Sie fragt mich, halb neckend, halb ernst, ob ich wieder träume. Ich hätte mich kein wenig verändert. Vielleicht hat sie Recht.

Das Lokal ist eine angesagte Adresse mit wenigen, stets ausgebuchten Tischen. Kleine Speisekarte auf Italienisch, täglich neu auf ein DIN-A4-Blatt gedruckt. Modern, simplistisch und wahrscheinlich kostensparend. Was man von den Preisen nicht behaupten kann. Die Leute machen Fotos von den Tellern, bevor sie essen. Einige kommen vermutlich nur darum her. Ich fühle mich nicht besonders wohl und merke, wie meine Fingerkuppen gegen mein Kinn drücken, bis es schmerzt.

Die Familie habe ich durch das Fenster auf das Restaurant zukommen sehen. Das Mädchen hat mit seinen kurzen Beinen versucht, in den Gleichschritt seiner Eltern einzusteigen. Sie haben die Mäntel abgelegt – dreimal dunkler Parka mit Fellimitat am Mützensaum – und am Nebentisch platzgenommen. Ich schätze die Eltern auf Ende Dreißig. Der Vollbart lässt den Mann vielleicht etwas älter wirken, als er ist, aber die Hände der Frau verraten, dass sie auf die Vierzig zugeht. Spätes Kinderglück oder ein Unfall. Der Vater liest seiner Tochter die Karte vor. Als würde die Kleine etwas Anderes essen als Spaghetti mit Hackbällchen. Schwer einzuschätzen, wie alt sie ist. Wahrscheinlich Vorschulalter. Ich hoffe, es gibt keine Szene.

Ich ertappe mich dabei, zu lange auf den Nachbartisch geschaut zu haben und hoffe, dass es niemandem aufgefallen ist. Ich betrachte Monicas Gesicht, während sie die Auswahl studiert. Die kleinen Fältchen an den Augenwinkeln haben sich ausgeprägt. Die schwarze Bluse steht ihr gut, aber ich schalte das Kopfkino ab, bevor es beginnt.

Ich war nie der Beziehungstyp. Bindungsstörung hatte sie es genannt. Die Lockdowns waren die Zerreißprobe. Kein Boxtraining bedeutete, keinen Druck abzulassen und Angst schwach zu werden. Irgendwann konnte Monica nicht mehr. Sie hat geweint, als sie mir sagte, sie bräuchte eine Auszeit und würde für eine Weile zurück zu ihren Eltern fahren. Sie wollte es so drehen, als wäre sie das Problem. Damit ich mich nicht zu schlecht fühle. Sie sagte, dass sie ihre Freunde in Luxemburg vermisse. Sie hatte die Versetzung in der Firma beantragt und nun die Bestätigung bekommen.

Ich würde sie gerne fragen, ob sie damals die ganze Strecke am Stück gefahren ist oder irgendwo übernachtet hat. Ob man in einer solchen Situation einfach irgendwo übernachtet, weil man müde ist, oder ob man sich einen interessanten Ort mit einem gutem italienischem Restaurant aussucht. Natürlich lasse ich es. Weil ich weiß, wie sehr es uns damals geschmerzt hat und wie notwendig die Entscheidung gewesen ist.

 

Die Wangen der Kleinen sind rotverschmiert, Tomatensoße bis an die Ohren. Niemand hat gesagt, sie soll sauber essen. Es gibt keine Szene. Die pasta bambini (Würstchen, keine Hackbällchen) hat sie zur Hälfte gegessen und dann die Wachsmalstifte genommen, die ihre Mutter vorausschauend aus ihrem Jutebeutel gezogen hat. Jetzt bemalt sie die Rückseite der Speisekarte.

Monica fragt mich, ob das Mädchen nicht süß ist. Doch, es ist ja auch brav. Wieso ich immer denke, dass Kinder nur schreien und alles schmutzig machen. Monica lacht und ihre Fältchen werden etwas tiefer. Ich wollte noch stinken hinzufügen, aber die Eltern hören unser Gespräch offenbar mit und lächeln. Es ist mir peinlich. Für Smalltalk habe ich keine Nerven. Ich lächle zurück und nehme mir vor, für den Rest des Abends den Blick nicht mehr über den Rand unseres Tisches schweifen zu lassen.

Ich frage, ob mit Steve alles gut läuft und die Worte kommen betonter aus meinem Mund, als ich beabsichtigt hatte. Er sei gerade geschäftlich in Südfrankreich unterwegs. Ich frage mich, was man geschäftlich in Südfrankreich so treibt und stelle ihn mir bei einem Drogendeal im Vieux Port von Marseille vor. Sepia in den 70ern: lange Kotletten und breite Kragen. Jemand verliert die Nerven und zieht eine Pistole. Ein Schuss fällt. Ein Mann ist tot. Natürlich Steve. Dabei ist Steve eher der Lavendel-Typ. Ein kleines Häuschen inmitten lilafarbener Felder, mit Swimmingpool und Weinkeller. Das passt. Dann frage ich sie, ob wir uns überhaupt getroffen hätten, wenn er im Land gewesen wäre.

Nach einer Weile sagt Monica »Yves«, und schaut dabei in ihre spaghetti alla nerano. Ich brauche einen Moment und verstehe dann. Kommt auf das Gleiche raus. Ich hoffe eigentlich nur, dass er gut für sie ist.

Als der Kellner den Nachbartisch abräumt, lässt die Kleine einen Wachsstift fallen. Er bricht in der Mitte. Früher waren die robuster, glaube ich. Die Eltern bemerken es nicht und bedanken sich für das ausgezeichnete Essen. »Grazie, lo comunicherò allo chef.« Das Personal spricht Italienisch mit den Gästen, das wirkt authentisch. Ob man was versteht, spielt keine Rolle.

Ich hebe die Stifthälften auf und versuche sie unauffällig auf den Tisch zu legen. Dabei erblicke ich das Bild, das sie gemalt hat. Ein brauner Hund, der größer ist als das gelbe Haus neben dem er steht. Seine rote Zunge zeigt gerade aus der Schnauze und läuft spitz zu. Online kann man Fotomontagen von Tieren sehen, die so gestaltet wurden, wie kleine Kinder sie gemalt haben. Quadratische Pferde und Elefantenklumpen. Kleine Surrealisten.

Als ich wieder in Gedanken war, sind Monica und die Mutter ins Gespräch gekommen. Das Restaurant sei super. Authentisch – ausgezeichnete Karte, keine Pizzen. Das Paar kenne das Lokal bereits seit den Vorbesitzern, sie seien positiv überrascht. Früher habe man hier Emmentaler zur Pasta bekommen. Wir seien das erste Mal hier und es sei ganz wie in der Heimat. Monica kann gut mit Menschen.

Der Mann fragt mich, ob wir auch so lange auf unsere Reservierung gewartet hätten. Der Smalltalk ist eröffnet. Die Tochter ist viereinhalb (das ›Einhalb‹ ist wichtig) und bekommt bald ein Brüderchen. Alle freuen sich. Kein Unfall also – Glückwünsche unsererseits. Einen Hund hat die Familie nicht. Wir haben keine Kinder. Ich wisse noch nicht, dass ich welche will, sagt Monica. Die Frau und der Mann lachen laut und ich bin ein wenig irritiert. Der Rote hat ihnen gut geschmeckt. Nein, ich trinke normalerweise keinen Alkohol – harte Jugend, man lernt doch dazu. Ich achte darauf, dass es wie ein Witz klingt. Und erst dann fällt mir auf, dass auch Monica keinen Wein getrunken hat und mir wird heiß und klar, was ich an ihr verloren habe.

 

Als die Familie sich zum Gehen hebt – die Kleine muss ins Bett – legt das Mädchen mir den Riesenhund hin und wendet sich rasch wieder ab. Der Vater nimmt sie auf den Arm und schaut mich an: »Kein Picasso, aber die Farbkomposition stimmt.« Wieder lacht er laut. Ich erinnere mich nicht, wann ich das letzte Mal laut gelacht habe. Monica versichert, dass wir das Bild an den Kühlschrank heften und fragt nach dem Namen der Kleinen. Als ich Lea höre, denke ich kurz, ich hätte mich verhört und schreibe dann in Großschrift LEA VIEREINHALB an den oberen Rand des Bildes und betone jede Silbe extra. Lea lächelt und die Familie verabschiedet sich. Bis ein andermal vielleicht. Monica schaut ihnen hinterher und trägt noch immer ein Lächeln auf den Lippen.

 

»Und wie geht es deinen Eltern?«

Ich überlege, was ich antworten soll und entschiede mich für ein Gut.

Niemand hat ein Wort über den Wachsstift und den nicht bestellten Wein verloren.

Weitere interessante Beiträge

ohne geschichte

VON NIKOLA HUPPERTZ one – egy – unu   den anfang macht immer der alte johnny omamas otata wir tönen zweifach die silbe ur- in dunkel verhangener kutsche über den

Weiterlesen

BLUTLINIEN. Ein Triptychon

VON DENIS LYNNIK I. Ewiger Ruf Pavel Walerjewitsch kniete im Geviert der Familiengrabstätte. Mit der Präzision eines Chirurgen führte er die Schere durch das Gras, bis jeder Halm die gleiche

Weiterlesen
Nach oben scrollen