Akzente präsentiert

Akzente Digital

In Akzente Digital präsentieren wir Ihnen ausgewählte Beiträge von Autorinnen und Autoren – Essays, Rezensionen, literarische Reflexionen und mehr. Entdecken Sie neue Perspektiven und aktuelle Themen aus der Welt der Literatur.

»Pripjat« und »Wie Ewigkeit«

VON PHILIPP AMMON Pripjat Es widerstand der Sumpf, der WaldDem Heer, das aus dem Westen kam.Damals erhob sich jeder Baum und Jeder Strauch. Das Heer versank: Der Boden hatte es verschluckt. Wie Mumien sind sie konserviert Im tiefen Grund ein feuchtes Grab:Wie sinnlos war, bedenkt man’s heut,Daß dieses Heer nach Osten zog. In dankbarer Erinnerung an Viktor Iwanowitsch Korowin (1923–2006), der 1991 jeden Morgen in der Frühe aufstand, um für einen jungen Deutschen Milch zu kaufen, als diese rar war, der jenem Jugendlichen den Schulbesuch in Smolensk ermöglichte und einen anderen Veteranen bat, seinem unbedarften Besucher aus Deutschland vor Schulbeginn die Bildung der Hybridorbitale zu erklären, und abwinkte, wenn sein Gast ihn nach dem Krieg fragte. Möge das Andenken Viktor Iwanowitschs in Liebe bewahrt bleiben. Möge er sein, wo es keine Sorgen, keinen Kummer, keine Angst, keine Verzweiflung gibt, sondern Freude und ein Leben, das niemals endet. Wie Ewigkeit Ein jedes Land grenzt an

Weiterlesen »

»Verwandlung« und »Morgenherbst«

VON JUTTA HÖFEL Verwandlung Durchsichtige Tropfen, die zitternd im Wind an Zweigendie Welt in ihrer Kugel halten, winzige Universen zwischen grauem Himmel und rauschendbraunem Flusstoben, zu dem sie im Fallen werden.  2021 Morgenherbst Goldenes fällt sachte im Vorübergehen, auch Grünes noch, einiges für immer, Eschen und Erlen am Bach, die gefällt werden,  gefallen sind schon  Weißdorn und Ahorn, der erste Früchte trug, der Apfelbaum, der seine letzten nicht tragen durfte, und mehrhundertjährige Linden, Frieden und Heilung fielenvor dem Bagger,fallen wird anderes weiter, auch wir und die Kinder und irgendwann Schnee und Asche, die alles bedecken. 2024

Weiterlesen »

Nature Writing und die Magie der Natur

VON HELMUT SCHREIER I. Muss man daran erinnern, dass die Natur überall kontaminiert ist, dass unsere Spuren und die von Menschen geschaffenen toxischen Substanzen längst zu Bestandteilen der Welt geworden sind? Von »Wildnis« als einer von Menschen unberührten, gewissermaßen im ursprünglichen Naturzustand erhaltenen Gegend auf diesem Planeten zu sprechen, wäre doch absurd. Aber das Wort »Wildnis« deutet auch auf die Möglichkeit einer sublimen Naturerfahrung hin, im Sinne jenes seelischen Ereignisses, das Immanuel Kant »erhaben« (»das Erhabene der Natur«) genannt hat. Außerhalb des deutschen Sprachraums ist die geläufige Bezeichnung des Erhabenen vom lateinischen sublimis (wörtlich: »in der Luft hängend, über der Erde schwebend«) abgeleitet. »Sublim« ist eine Erfahrung, die mich tief berührt. Collins Wörterbuch definiert: »If you describe something as sublime, you mean that it has a wonderful quality that affects you deeply.« Wer von »Wildnis« spricht, deutet die Aussicht auf sublime Erfahrungen an. Begegnungen mit dem gestirnten Himmel, mit den Landschaften der Arktis oder dem Hochgebirge

Weiterlesen »

Marschland

VON NORBERT FISCHER Marschland ist von Menschen gemacht. Es liegt an der Nordseeküste und den dort mündenden Strömen – flaches, tiefgelegenes Land, das vom Meer genommen wurde. Ich mag seine Weite, den Blick bis zum Horizont, das satte Grün, den häufig aus Nordwest wehenden Wind mit den treibenden Wolken. Ich sehe Weiden und Koppeln, grasende Rinder und Pferde, Äcker mit Feldfrüchten und Obstbaumwiesen. Das Schilf und die Weidenbüsche an den Ufern der Wasserläufe sind Heimat für Flora und Fauna, Gänse grasen auf den Grünflächen und Watvögel stelzen im Schlick, am Himmel kreisen jagende Greifvögel. Die Marsch ist eine fruchtbare Gegend. Ursprünglich handelte es sich um einen amphibischen, von den ein- und ausströmenden Gezeiten mit ihren Prielen geformten Raum. Das nährstoffreiche Meerwasser düngte den niedrig gelegenen Boden auf natürliche Weise und machte ihn höchst fruchtbar. Aber die Grenzen zwischen Wasser und Land blieben fließend: wann war was Land oder Wasser? Die

Weiterlesen »

Grauoliv

VON DANIA D’ERAMO Die Tage fangen im Nebel an und enden mit den Rauchfäden des erloschenen Feuers. In der Frühe ist er schon da, der milchige Vorhang. Kaum bin ich draußen, legen sich seine Schwebeteilchen sachte um mich. Eine kühle, nach Kaminrauch riechende Luft brennt in meiner Nase. Für einen Augenblick sehne ich mich in die Wärme zurück. Doch der Tag ist im Gang, unvermeidbar zieht er mich hinein – in den Nebel, zum Dorf meiner Großeltern, in den Olivenhain auf den Hügeln des umbrischen Tals. Es ist November. Für die Zeit der Olivenernte bin ich dieses Jahr Tagelöhnerin. Ich sitze nicht in halbleeren Hörsälen, den monotonen Stimmen der Dozierenden lauschend. Für mein Semester in Deutschland muss Geld verdient werden. Kurve um Kurve fahre ich den Hügel hinauf. Nebelumwallt sehe ich nichts vom Friedhof, nichts vom verlassenen Gutshof, über den ich mir als Kind Geschichten ausdachte, nichts vom Instandhaltungswerk der

Weiterlesen »

Dein aschenes Haar, Margarethe

VON REGINA SCHLEHECK Immer noch schließt Oma sie in ihr Gebet ein. Zuerst sie. Danach erst unsere Familie. Margarethe kommt immer an erster Stelle. »Du warst sechs damals«, sage ich. »Die ganze Stadt hat getrauert.« Ihr Blick ist verhangen. »Das einzige Mal, dass ich meinen Vater habe weinen sehen.« Ich hasse das Goldene-Blatt-Gesülze. Dabei liest meine Oma gar keine Boulevardpresse. Sie ist so. Kruppianerin. Vorfahren, Verwandte, Nachbarn, die meisten Angehörigen dieses Universums sind bereits verstorben. Leibeigene, die sich für Auserwählte hielten. Ich war mit dem Studium weg aus Essen. Heute ist das eine andere Welt. Meine Oma lebt seit fünfzehn Jahren, seit Opas Tod im Seniorenzentrum am Südwestfriedhof. Die letzte der Familie auf der Höhe. Zu ihrem Neunundneunzigsten hat sie sich einen Ausflug gewünscht. Ich packe ein Bündel Haut und Knochen ins Auto. Sie möchte an der Villa Hügel vorgefahren werden wie eine Herrschaft. Nein, nicht aussteigen. Sitzt, guckt, seufzt.

Weiterlesen »
Nach oben scrollen