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Akzente Digital

In Akzente Digital präsentieren wir Ihnen ausgewählte Beiträge von Autorinnen und Autoren – Essays, Rezensionen, literarische Reflexionen und mehr. Entdecken Sie neue Perspektiven und aktuelle Themen aus der Welt der Literatur.

Die Andere

VON JULIA ALINA KESSEL Als Marlou am Morgen nach dem Aufwachen ihr Smartphone entsperrte, blickte ihr Gesicht ihr entgegen wie das eines Zwillings, den das Leben ihr bisher vorenthalten hatte. Fremdes Entsetzen hagelte auf sie ein und mischte sich mit ihrem eigenen. Bis sie begriff, was geschehen war, bedurfte es fünf WhatsApp-Messages, drei SMS und einer Mail ihres Agenten, doch selbst dann verstand sie nicht. Obwohl die Frau in dem Filmtrailer aussah wie ihre Doppelgängerin, erinnerte Marlou sich nicht daran, jemals dieses Kostüm getragen oder diese Sätze gesagt zu haben. Tausende Daumen nach oben oder unten bewerteten eine Leistung, die sie nie erbracht hatte. Meinungen überfluteten die Kommentarspalte, zum Film, zu Deutschland, zu ihr: Geile Titten. Kennt man die? Wieder und wieder spielte Marlou das Video ab, ehe sie ihren Agenten anrief. Ronan bellte in ihr Ohr und hörte nicht auf, sie zu löchern: Wie war sie zu einer Rolle

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»Pripjat« und »Wie Ewigkeit«

VON PHILIPP AMMON Pripjat Es widerstand der Sumpf, der WaldDem Heer, das aus dem Westen kam.Damals erhob sich jeder Baum und Jeder Strauch. Das Heer versank: Der Boden hatte es verschluckt. Wie Mumien sind sie konserviert Im tiefen Grund ein feuchtes Grab:Wie sinnlos war, bedenkt man’s heut,Daß dieses Heer nach Osten zog. In dankbarer Erinnerung an Viktor Iwanowitsch Korowin (1923–2006), der 1991 jeden Morgen in der Frühe aufstand, um für einen jungen Deutschen Milch zu kaufen, als diese rar war, der jenem Jugendlichen den Schulbesuch in Smolensk ermöglichte und einen anderen Veteranen bat, seinem unbedarften Besucher aus Deutschland vor Schulbeginn die Bildung der Hybridorbitale zu erklären, und abwinkte, wenn sein Gast ihn nach dem Krieg fragte. Möge das Andenken Viktor Iwanowitschs in Liebe bewahrt bleiben. Möge er sein, wo es keine Sorgen, keinen Kummer, keine Angst, keine Verzweiflung gibt, sondern Freude und ein Leben, das niemals endet. Wie Ewigkeit Ein jedes Land grenzt an

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»Verwandlung« und »Morgenherbst«

VON JUTTA HÖFEL Verwandlung Durchsichtige Tropfen, die zitternd im Wind an Zweigendie Welt in ihrer Kugel halten, winzige Universen zwischen grauem Himmel und rauschendbraunem Flusstoben, zu dem sie im Fallen werden.  2021 Morgenherbst Goldenes fällt sachte im Vorübergehen, auch Grünes noch, einiges für immer, Eschen und Erlen am Bach, die gefällt werden,  gefallen sind schon  Weißdorn und Ahorn, der erste Früchte trug, der Apfelbaum, der seine letzten nicht tragen durfte, und mehrhundertjährige Linden, Frieden und Heilung fielenvor dem Bagger,fallen wird anderes weiter, auch wir und die Kinder und irgendwann Schnee und Asche, die alles bedecken. 2024

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Nature Writing und die Magie der Natur

VON HELMUT SCHREIER I. Muss man daran erinnern, dass die Natur überall kontaminiert ist, dass unsere Spuren und die von Menschen geschaffenen toxischen Substanzen längst zu Bestandteilen der Welt geworden sind? Von »Wildnis« als einer von Menschen unberührten, gewissermaßen im ursprünglichen Naturzustand erhaltenen Gegend auf diesem Planeten zu sprechen, wäre doch absurd. Aber das Wort »Wildnis« deutet auch auf die Möglichkeit einer sublimen Naturerfahrung hin, im Sinne jenes seelischen Ereignisses, das Immanuel Kant »erhaben« (»das Erhabene der Natur«) genannt hat. Außerhalb des deutschen Sprachraums ist die geläufige Bezeichnung des Erhabenen vom lateinischen sublimis (wörtlich: »in der Luft hängend, über der Erde schwebend«) abgeleitet. »Sublim« ist eine Erfahrung, die mich tief berührt. Collins Wörterbuch definiert: »If you describe something as sublime, you mean that it has a wonderful quality that affects you deeply.« Wer von »Wildnis« spricht, deutet die Aussicht auf sublime Erfahrungen an. Begegnungen mit dem gestirnten Himmel, mit den Landschaften der Arktis oder dem Hochgebirge

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Marschland

VON NORBERT FISCHER Marschland ist von Menschen gemacht. Es liegt an der Nordseeküste und den dort mündenden Strömen – flaches, tiefgelegenes Land, das vom Meer genommen wurde. Ich mag seine Weite, den Blick bis zum Horizont, das satte Grün, den häufig aus Nordwest wehenden Wind mit den treibenden Wolken. Ich sehe Weiden und Koppeln, grasende Rinder und Pferde, Äcker mit Feldfrüchten und Obstbaumwiesen. Das Schilf und die Weidenbüsche an den Ufern der Wasserläufe sind Heimat für Flora und Fauna, Gänse grasen auf den Grünflächen und Watvögel stelzen im Schlick, am Himmel kreisen jagende Greifvögel. Die Marsch ist eine fruchtbare Gegend. Ursprünglich handelte es sich um einen amphibischen, von den ein- und ausströmenden Gezeiten mit ihren Prielen geformten Raum. Das nährstoffreiche Meerwasser düngte den niedrig gelegenen Boden auf natürliche Weise und machte ihn höchst fruchtbar. Aber die Grenzen zwischen Wasser und Land blieben fließend: wann war was Land oder Wasser? Die

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Grauoliv

VON DANIA D’ERAMO Die Tage fangen im Nebel an und enden mit den Rauchfäden des erloschenen Feuers. In der Frühe ist er schon da, der milchige Vorhang. Kaum bin ich draußen, legen sich seine Schwebeteilchen sachte um mich. Eine kühle, nach Kaminrauch riechende Luft brennt in meiner Nase. Für einen Augenblick sehne ich mich in die Wärme zurück. Doch der Tag ist im Gang, unvermeidbar zieht er mich hinein – in den Nebel, zum Dorf meiner Großeltern, in den Olivenhain auf den Hügeln des umbrischen Tals. Es ist November. Für die Zeit der Olivenernte bin ich dieses Jahr Tagelöhnerin. Ich sitze nicht in halbleeren Hörsälen, den monotonen Stimmen der Dozierenden lauschend. Für mein Semester in Deutschland muss Geld verdient werden. Kurve um Kurve fahre ich den Hügel hinauf. Nebelumwallt sehe ich nichts vom Friedhof, nichts vom verlassenen Gutshof, über den ich mir als Kind Geschichten ausdachte, nichts vom Instandhaltungswerk der

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