VON MARIO RAUTER

Der Schlüssel sperrte immer noch. Die Finger erinnerten sich, wo sie Widerstand erwarteten, wie viel Druck das Schloss brauchte, bis es nachgab und öffnete. Den Schlüssel hatte er seit dem Schulanfang im Internat vor 30 Jahren bei sich getragen, mitgenommen bei jedem Umzug, zuerst zum Studieren nach Wien, dann nach Basel, nach Berlin, nach Paris.

Seinen Vornamen hatte Johannes nicht vererbt bekommen. Der erste Bub in jeder Generation wurde auf Hartmut getauft, das war seit vier Generationen so, auch wenn der Name längst aus der Zeit gefallen war. Bei ihm mussten sie nachdenken, vor allem darüber, wie sie ihn erklärten, den ersten Buben in der nächsten Generation, der überraschend und ganz ohne Vater dahergekommen war. Ein Skandal in Stoffwindeln, den sie wegerklären mussten, damit die Frauen im Dorf mit ihren Kopftüchern beim Kirchgang die Lippen zum Gebet und nicht zum Gerücht bewegten.

Bastard war ein Wort, das Johannes früh lernte. Seine Mama überließ ihn bald ihrer Mutter. Sie flüchtete mit einem schnittigen Mann, der Karriere und kein Kuckucksei wollte, hinterließ einen Leerstand. Die Großeltern erbten ein Kind von ihrem Kind, das Gegenteil zur natürlichen Abfolge, wie die zu sein hatte. Die Leere füllte das neue Kind nicht.

***

Aus Paris kam Johannes nur angestrengt und selten. Jedes Mal, wenn er sich in ein Flugzeug nach Graz setzte, dann im Bummelzug durch immer finsterere Wälder fuhr, warteten Krankheit und Tod auf ihn. Der Großvater, der plötzlich starb, die Großmutter, die wieder und wieder in Bezirkskrankenhäusern und Kuranstalten war und endlich traurig einschlief; in den Armen ihres Sohnes, seines Onkels Hartmut.

In seinem Kinderzimmer hatte Johannes das letzte Mal geschlafen in der Nacht, nachdem sie die Großmutter beerdigt hatten. In dem viel zu kleinen Bett fühlte er das leere Haus, das nun kein Wohnhaus mehr war, dazu musste es jemand bewohnen. Er spürte die Einsamkeit der Räume, die nicht neu war. Er war am Morgen danach von Zimmer zu Zimmer gegangen und hatte alle Türen geschlossen, er wollte sich die Räume einprägen. So wie sie jetzt waren, noch mit dem staubigen Geruch der Großmutter und dem Knistern des Ofens und der Maserung des Holzes an den Wänden, den kratzigen Perserteppich, der in der Mitte ausgetreten war: einen Bernstein der Erinnerung aus dem Haus herauspressen. Dinge nahm er kaum mit, er brauchte keine Erbstücke.

Hartmut war bald darauf in das Haus der Großeltern gezogen, seiner Eltern, mit seinem ganzen Besitz, und lebte zwischen ihren Möbeln, noch vollgestopft mit ihren Kleidern und ihren Fotos und ihren Erinnerungen und ihren Erinnerungen an ihre Eltern und den Dingen, die sie von ihnen aufbewahrt hatten. Ein Stillstand nach den Toden, Auftürmen von Generationen, und dazwischen sein Onkel, der arbeits- und rastlos von Zimmer zu Zimmer umging, ein lebendiger Geist zwischen Geistern.

***

An den Wänden waren Spuren von Bildern zu sehen, die Hartmut verkauft haben musste: leuchtende Lücken in der Tapete. Möbelstücke der Großeltern fehlten. Hartmut lebte nur in zwei Räumen, die mit den Sachen aus seiner alten Wohnung vollgeräumt und als einzige beheizt waren. Esszimmerstühle stapelten sich an einer Wand, offene Kisten mit Kleidern, säuerlicher Geruch abgestandenen Biers lag in der Luft , die Flaschen nahmen eine Ecke des Zimmers ein.

»Was willst du?«, herrschte ihn Hartmut an. »Ist der große Herr zurückgekehrt?« – »Du bist angesoffen.« Hartmut schnaubte, winkte die Bemerkung ab. Klein war er geworden, es kam Johannes vor, er versteckte sich vor dem Leben, das ihm noch blieb, zusammengekauert in einem viel zu großen Haus. Die Kleider, die Hartmut trug, hatte Johannes schon vor 20 Jahren gesehen, entweder an ihm oder am Großvater; er war in seinen Vater hineingealtert. »Ich bin wegen der Bank da.«

»Was hast du gedacht, wie das weitergeht?« Hartmut stierte auf seine Knie, trank kräftig aus der Bierflasche. Fast sechzig, saß ein störrischer Sechsjähriger auf der Küchenbank und hatte immer noch keine Antwort auf die Frage, die er längst aufgehört hatte, sich selbst zu stellen.

Die Dorfbank hatte Johannes angerufen, nachdem Hartmut nicht mehr auf Briefe und Anrufe reagierte und sie aus Verbundenheit zu den Großeltern einen Zwangsverkauf vermeiden wollte. »Also, wie tun wir?«, fragte Johannes.

***

Nicht jedes Erbe muss man antreten, vor allem nicht, wenn es einen wie einen Anker unter Wasser zieht«, hatte Johannes angefangen zu rechtfertigen, vor sich selbst, in dem Kreisen einer Wiederholung. Er fuhr auf einem Ringelspiel der Schuld, das drehte sich um die Achse seiner Verpflichtung, daran angehängt war er mit seinem schlechten Gewissen. Mit jedem Anruf Hartmuts ging es wieder los. Die Fahrt hörte nicht auf, bis er absprang.

Hartmut stockte die Stimme, das Muttersöhnchen ohne Mutter: Die Bank hatte genug. Er erzählte es ihm schleppend; weinerlich, wütend, verletzt. Ein Sechzigjähriger, der bettelte wie ein Kind, das sich noch nicht zu helfen wusste, dem die Eltern zu früh verstorben waren. »Du musst doch was machen!«

»Nein, Hartmut, ich kann dir nicht mehr helfen.« Er brach das Gespräch ab und legte das Handy zornig auf den Schreibtisch. Wütend, auf wen aber, versuchte Johannes, sich am Laptop wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren, sah aber nur sein Gesicht, das sich im Monitor spiegelte, und dachte: »So ein Mensch bist du also.«

***

Das Grün des Waldes wurde immer finsterer, je näher der Zug zum Begräbnis kam. Hartmut, der jahrelang in einer Sozialwohnung gewohnt hatte, wurde tot gefunden. Der Wirt hatte seinen besten Gast ein paar Tage nicht gesehen, das kann nicht sein, da muss was sein. Polizei und Feuerwehr hatte man bemühen müssen, um die Wohnung aufzubrechen; Hartmut fanden sie friedlich auf dem Sofa, in einem Friedhof aus Flaschen.

Die Begräbniskosten hatte Johannes geerbt: erst am Ende wieder helfen, zu wenig und zu spät. Nein, er hatte Hartmut auch anfangs geholfen, das war richtig gewesen. Dann die ständigen Anrufe, das ewige Greinen, alle anderen seien schuld, dass es ihm schlecht ging, das Bitten um Geld: Es zog und zerrte an Johannes, ummantelte ihn mit Schuld und machte aus ihm Vergangenheit und Vater. Der Wind riss scharf an seinem Anzug, nur er und der Priester standen am offenen Grab, die Worte aus der Bibel hohl und doch tröstend, als hätte Johannes jemanden, der auf ihn schaute; als hätte Hartmut jemanden gehabt, der auf ihn schaute.

In der Tasche seines Sakkos spürte Johannes mit den Fingerkuppen die Zähne des Schlüssels zum Elternhaus, das niemandem mehr gehörte. Den Schlüssel nahm er mit.

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