VON INSA BIRKENHAGEN
Havar ist das defekte Schiff, es ist in Seenot geraten und betriebsunfähig geworden.
Havar hat eine Brust, die sich zusammenzieht, in schmerzende Knoten, und sie ist sich sicher, dass sie sterben muss. Die Ärztin sagt ihr, dass das nur Ödeme seien oder eine Verdickung in den Milchgängen, aber das kommt nur selten vor und wenn, dann nur in der Menopause und dafür ist Havar ja noch zu jung.
Havar berichtet von den Mandeln. Wie sie rot anlaufen vor Wut und weiße Flecken bilden. Der linke Lymphknoten, immer schwillt er an und lässt den ganzen Hals zu einem einzig zu Klumpen verkörperten Infekt werden. Fast jeden Monat ist es so und dann fängt Havar an die Schleimhäute zu bluten, defekte Nester overboard.
»Das muss der Hormonhaushalt sein«, sagt die Ärztin, und dass da etwas im Argen sei.
»Spätestens«, meint sie, »mit der ersten Schwangerschaft wird sich das alles geregelt haben.«
Dabei lächelt sie verschmitzt, ganz eingeschwört und Havar will sie fragen, was sie damit meint. Eine erste Schwangerschaft.
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Die Raten sind kritisch geworden, da war es Juli. Gelbverbrannte Wiesen und gekippte Seen, als hätten sie schon einen Sommer hinter sich. Wieder gab es Pressekonferenzen an den großen Instituten. Vor laufenden Kameras fingen sie an, von eins-Komma-eins zu reden. Ein nächster kritischer Wert, nachdem der letzte schon hinüber war. Sie sprachen auch von thermischen Fruchtbarkeitsgrenzen und endokriner Disruption. Und als die Sonne im Zenit stand, wurden es immer weniger.
»Neuneinhalb Zehntel? Das ist ja nicht mal ein ganzer Mensch«, hatte das Mutterschiff gesagt, die Hände in die Hüfte gestemmt und kritisch die Bildschirme beäugt.
»Jaja, also klar das überlegt man sich schon zweimal.
Das war bei uns nicht anders«, sie schnalzte mit der Zunge.
»Aber neuneinhalb Zehntel, das hätte ich nicht gedacht.
Wegen so ein bisschen Sommer?«
Havar ärgerte sich über den Leichtsinn des Mutterschiffs. Sie könnte ihm von den Fruchtfliegen erzählen und den Holstein-Rindern.1 Überhitzte Tierkörper und ihrem stillen Trotz seit Jahren. Mit verschränktem Armen werfen sie ihre Güter wie Ballast von Bord, bevor sie auflaufen.
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»Also machen Sie sich erst einmal keine Sorgen«, sagt die Ärztin. Unter den hohen Augenbrauen ist ihr Blick betont freundlich.
»Ich würde nur gerne die ANAs im Auge behalten«, fügt sie hinzu und Havar erinnert sich an die Pressesprecher, die Antikörper, die sie erwähnten, antinuklear sollen sie sein.
»Damit wir eine Disruption ausschließen können.«
»Wie hoch ist denn Ihre PM2.5 Exposition«, fragt sie und auch, ob Havar einen Melder hat.
»Also wie gesagt, Sie müssen sich keine Sorgen machen«, meint sie dann, und:
»Ich frage nur, weil das Protokoll ist«, und:
»Wir sind ja meldepflichtig«, und:
»Also falls etwas sein sollte, sind wir meldepflichtig«, und:
»Aber davon wollen wir ja jetzt nicht ausgehen.« Ihr Ton ganz beschwichtigend.
»Falls Sie es trotzdem interessiert, vorne haben wir noch Infomaterial.
Zur Wurfeignung«
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Den ersten Wurf gab es im Spätsommer, nur wenige Wochen nach den neuneinhalb Zehnteln. Sie hatten das Wachsen ausgelagert. In weiser Voraussicht, so hatte ein Pressesprecher das gesagt. Havar schaute zu, wie Brutkästen und sterile Kunststoffbeutel in kurzen Gegenschnitten über die Bildschirme flimmerten.2
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Seitdem gehen sie und das Mutterschiff auf die Barrikaden. Das Mutterschiff aus Entsetzen und Havar aus Protest. Sie stehen dort gemeinsam, das Entsetzen, der Protest, und haben es beide ganz grundsätzlich mit der Angst zu tun.
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Später am Tag schieben sie sich wieder zwischen feuchten Körpern über die Hauptstraße in Richtung des Instituts. Der Zug bewegt sich nur stockend, bis er inne hält auf Höhe der Bahnhofsallee. Sie warten und Havar redet nicht über die Ärztin.
»Das geht doch nicht«, sagt das Mutterschiff kopfschüttelnd und meint die Kunststoffbeutel.
Wieder ärgert sich Havar. Wie an den Haaren herbeigezogen dieser Unglaube, mit dem das Mutterschiff der Welt und ihren Treuhändern begegnet. Stehen sie nicht unlängst mit Pauken und Trompeten an den Gräbern? Zeichnen stolz ihre Endzeitphantasien in die verbrannte Erde?
Das Mutterschiff aber schüttelt den Kopf. Alarmiert treten ihm die Augäpfel aus den gekippten Wimpernkränzen. Gleich werden sie ihm ausfallen, denkt sich Havar. Wie abgeschreckte Murmeln werden sie über die Kreuzung kullern, zwischen die in den Bauch gestandenen Beine und die Einsatzstiefel, die ihnen seit Stunden den Weg versperren.
»Das geht einfach nicht«, wiederholt das Mutterschiff, sein Kopfschütteln mittlerweile so vehement, dass das Schild über ihnen ins Wanken gerät.
»Pass auf«, sagt Havar, duckt sich unter der nassen Pappe. My womb is not your project steht darauf. Ganz stolz hat das Mutterschiff ihr den Schriftzug präsentiert, und weil Havar immer öfter die Worte fehlen, entgegnete sie nichts.
»Ich pass schon auf«, meint das Mutterschiff und steigt von einem Bein auf das andere. »Das dauert ganz schön lang, findest du nicht?«
Havar stellt sich auf die Zehenspitzen, wohlwissend, dass die Blockade nicht rücken wird, sie die Menschen ausharren lassen wollen, bis die Kälte ihnen den Frust einfriert.
»Meine Kollegin überlegt das gerade wirklich«, meint das Mutterschiff in die kurze Ruhe.
»Die Pflüger, weißt du. Die wollen da jetzt einen Kredit für aufnehmen, ist ja echt teuer so ein Platz.
Aber ihr Bruder kennt da wohl jemanden, die hatten sich einen Platz gekauft und dann hat es auch so geklappt.
Und dann geht das nicht wegen der Betreuung.
Ich mein, die müssen fast jeden Tag da vorbeischauen, stell dir das vor.
Und dann stehen die daneben und schaukeln es und reden. Die Pflüger hat mir gestern die Broschüre gezeigt«, das Mutterschiff wirft Havar einen vielsagenden Blick zu, wieder kippt My womb is not your body zur Seite.
»Da ist dann richtig Programm«, fährt es fort.
»Auch mit den anderen Teilnehmern von dem Wurf. Die haben da wohl so ein Essen immer.«
Und während das Mutterschiff redet über die Pflüger und ihren Kredit, den Bruder und dessen jemand, der dann doch schwanger geworden ist, allen Widrigkeiten zum Trotz, dreht es Havar den Magen um. Sie stellt sich vor, wie sie dort sitzen, die Pflüger und ihr Partner und achtzehn weitere Anzüge mit tiefen Taschen. Frauen und ihre Ehemänner, die es gewohnt sind, sich das Glück kaufen zu können – und weil sie das Ei und den Samen hervorbringen können als suitable candidates auserkohren wurden, sie nun stolze Nutznießer*innen der heiß begehrten Kunststoffbeutel sind.
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Havar erinnert sich an die frohgestimmten Botschaften, sie hallten durch die Straßen, nachdem es erste Embryonen gab. Die Pressesprecher prophezeiten die Gleichstellung – Reproduktion für alle und dann die Entscheidung hinter vorgehaltener Hand, gesetzlich versicherte Partner einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft von der Sachleistung einer medizinischen Maßnahme zur Herbeiführung einer Schwangerschaft auszuschließen.3
Die Versprechen wurden leiser. Sie fielen unter den Tisch zwischen die polierten Lederschuhe und übereinandergeschlagenen Strumpfhosenbeine. Havar malte sich die beseelten, bedeutungsschwangeren Blicke aus, mit Lachsplatten und Saucieren reichten sie sich über den Tisch. Sie erkennen an, dass sie Teil von etwas wirklich ganz Großem sind. Sie können sich wirklich glücklich schätzen.
Und dann nippen sie weiter an ihren Austern und Körper werden zu Überbleibseln.4
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»Aber ich sag‘s dir, lange läuft das nicht«, sagt das Mutterschiff.
»Bald merken die, dass das alles nur Plastik ist.
Ich mein, das ist ja nur nachgebaut. Die versuchen uns da was unterzumogeln.
Kuckuckskinder«, und weil das Mutterschiff Kuckuck sagt, wird der Mund ganz spitz und es sieht aus, als würde er pfeifen wollen, Whistleblower werden.
»Aber so geht das nicht«, das Mutterschiff strafft überzeugt die Schultern.
»So ein Kind, eine Schwangerschaft, das musst du ja erleben.
Ja wirklich«, betont es und fängt an in den Regen zu lächeln. Verklärt sieht das aus, findet Havar, weicht der wieder taumelnden Pappe aus.
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Im Flur neben einer Geburtsurkunde hängt ein Foto. Das Mutterschiff in einem der Jahrhundertsommer. Ein Körper, dem zwei entwachsen sollen wie einer Hydra. Bald wird ein Schnitt gesetzt, eine fein gestreckte Sichel entlang der Bauchdecke. Mit sterilem Gummi wird hineingefasst und die sauberen Ränder schmutzig gerissen. Dann werden die neuen Körper entnommen, sie werden vermessen und erst nach flehentlichem Bitten dem verwundeten Mutterschiff an das Krankenbett getragen.
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Havar überlegt, dem Mutterschiff von ihren Knoten erzählen. Den Geschwüren; Defekte, tiefsitzend bis unter die Haut. Was das Mutterschiff sagen würde, würde Havar von den wütenden Mandeln sprechen, den leeren Nestern und knotenden Geschwüren.
Und kurz denkt sie selbst an die Milch, die nicht kommen wird, und das Kind, das nicht gefüttert würde.
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Anmerkungen
1 Harvey, Jeffrey A. et aI. »Scientists’ warning in climate change and insects«, in: Ecological Monographs, e1553 (2022). S.1–37.
Wolfenson, David und Zvi Roth. »Impact of heat stress on cow reproduction and fertility«, in: Animal frontiers: the review magazine of animal agriculture, vol. 9 (2019), no.1. S. 32–38.
2 In einem Forschungsprojekt des Children Hospital of Philadelphia wurde 2017 eine Ektogestation von Lämmern durchgeführt. Nach einer künstlich verfrühten Geburt wurden die Lämmer in eine künstliche Fruchtblase (Biobag) geschlossen, um dort vollständig heranzuwachsen.
Partridge, Emily et al.: »An extra-uterine system to physiologically support the extreme premature lamb«, in: Nature Communications, vol. 8 (2017), no. 15112. https://www.nature.com/articles/ncomms15112#citeas (zul. abgerufen 13.05.26).
3 2007 entschied der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts in einem Normenkontrollverfahren die Beschränkung der Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung für künstliche Befruchtung auf Ehepaare unter ausschließlicher Verwendung von Samen- und Eizellen der Ehegatten als verfassungsgemäß.
»Pressemitteilung – Nr. 22/2007 vom 28. Februar 2007«, in: Bundesverfassungsgericht, 28. Februar 2007. https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2007/bvg07-022.html?nn=148438 (zul. abgerufen 13.05.26).
4 Tongue, Zoe L: »Ectogenesis and the science fiction futures of reproduction«, in: Strange Horizons, 27. Januar 2025. https://strangehorizons.com/wordpress/non-fiction/ectogenesis-and-the-science-fiction-futures-of-reproduction/ (zul. abgerufen 13.05.26).
