Akzente präsentiert
Akzente Digital
In Akzente Digital präsentieren wir Ihnen ausgewählte Beiträge von Autorinnen und Autoren – Essays, Rezensionen, literarische Reflexionen und mehr. Entdecken Sie neue Perspektiven und aktuelle Themen aus der Welt der Literatur.
Jeder Balkon hat eine Mutter. Dreizeiler
VON MARGRET KREIDL Sie hat eine traurige Kindheit auf Lager. Bitte weitersagen und dann ab in den Urlaub. Seine Mutter ist gestorben, gestorben sind auch ihre Sorgen: Wer wird ihn jetzt versorgen? Ich heiße Beate. Beate, sage ich zu meinem Psychiater, ich bin mein eigener Vater. Wo endet der Vater? Wo beginnt der Großvater? Wann kommt der Pharao zur Ruhe? Franz kratzt am Samstag ab. Der Sarg ist leer, der Vater ein Gespenst, der Erbe ist entmannt, er heißt Ferdinand. O sarkophagischer Phallus! O Vaterland! Euterzellen wachsen im Stahltank und geben Milch ab. Die Mutter sagt: Immer freundlich und grüßen. Der Kühlschrank spielt mit den Kindern. Eine Hausfassade, verziert mit Fragen, eine Frau, die auf den Putz haut und keine Kinder weit und breit. Jeder Balkon hat eine Mutter. Frag nicht, warum. Die Pelargonien wollen bis in alle Ewigkeit blühen.
Rot und orange
VON JOE BLITGEN Ich bin sieben Jahre alt und sitze auf meinem Bett. Das große Licht ist normalerweise ausgeschaltet, aber jetzt dringt es in jeden Winkel des Zimmers. Es überstrahlt die Nachttischlampen in Form von Pluto und Donald, die eben noch schwach geleuchtet haben, als wir nicht schlafen wollten. Lena ist drei Jahre jünger als ich und macht unter sich. Ich bin stiller Beobachter und rühre mich nicht. Aus Angst. Und aus Erleichterung, dass es mich nicht erwischt hat. Meistens erwischt es mich. Unter die Angst und die Erleichterung mischen sich auch Schuldgefühle. Aber die kann ich noch nicht richtig deuten. Ich schaue einfach hin und hoffe, dass es aufhört. Als Papa merkt, dass Lena sich eingenässt hat, hält er still. Er blickt einige Sekunden auf das nasse Laken und verlässt das Zimmer. Lena heult und ich weiß nicht, was ich tun soll. Sie weint, bis Mama kommt, und streckt
ohne geschichte
VON NIKOLA HUPPERTZ one – egy – unu den anfang macht immer der alte johnny omamas otata wir tönen zweifach die silbe ur- in dunkel verhangener kutsche über den borgopass kommend ins land jenseits des waldes trans silva ardeal erdély erdel durch nachklänge osmanischer vorzeit auf anglikanischer mission und so was von unsterblich | daher später auch proband einer der ersten langlebigkeitsuntersuchungen in der ihrerseits noch jungen republica populară română in der schwarzen kirche zu braşov ziert seine plakette die zweite bank links außen | keiner heißt es will unter seinem namen sitzen kettő – doi – due senkrecht abwärts von uromama elisabeth samt ihrem leibchauffeur fabiu und ihrem faible fürs roulette für das ihr gatte andreas aus leibeskräften wirtschaftet und mit schöner papeterie floriert dem sie vermutlich angereist mit dem expresszug via budapest eingeschifft in triest auch in der sommerfrische auf dem lido
BLUTLINIEN. Ein Triptychon
VON DENIS LYNNIK I. Ewiger Ruf Pavel Walerjewitsch kniete im Geviert der Familiengrabstätte. Mit der Präzision eines Chirurgen führte er die Schere durch das Gras, bis jeder Halm die gleiche Höhe aufwies wie sein Nachbar. Zweiundzwanzig Jahre lag Alexandra Wassiljewna nun hier auf dem Trojekurowo-Friedhof, doch die Erde über ihr wirkte, als atme sie noch; kein Staubkorn trübte den Glanz des schwarzen Marmors. In seiner Tasche vibrierte das Telefon. Die Stimme seiner Mutter drang durch den Lautsprecher – gläsern und von jener mütterlichen Dichte, die keine Distanz kennt. »Paschenka, mein Junge. Du bist keine sechzehn mehr. Es ist Zeit, die Unruhe abzulegen.« »Mama … bitte«, presste er hervor. Er betrachtete das Keramikoval auf dem Stein. 18.04.1933–12.09.1997. »Unterbrich mich nicht«, wies sie ihn zurecht, mit jenem Unterton aus Vorwurf und Fürsorge, den der Algorithmus perfekt aus drei Jahrzehnten Sprachnachrichten und Mails destilliert hatte. »Ich kenne die Quartalszahlen deines Unternehmens, Pascha. Aber
wie viel arbeit steckt in arbeit?
VON BLUMENLEERE was auf den ersten blick vielleicht noch wie eine relativ simpel gestrickte tautologie wirken mag, deren illustrer charme dessen ungeachtet kaum von der hand zu weisen waere & die, simultan, recht unbestritten wenigstens vage an koans & andere kernstuecke oestlicher meditationen gemahnen koennte, wird sich im anschluss als ausgangsvektor einer bezueglich ihrer grundtendenz doch eher klassisch philosophischen analyse mit etlichen avancen poetischer performanz erweisen, welche auf unterschiedliche per arbeit determinierte kategorien & konnotationen referiert.mit diesem sich uns eroeffnenden zugang, nun, deuten wir also bereits jetzt eine wesentliche krux unserer eigenen geschichte nicht blosz an, sondern beruehren sie empfindlich. befassen wir uns naemlich mit dem begriff der arbeit per se, stellen wir schnell fest, dass es sich dabei trotz bis eventuell gar & gerade seiner alltagsueblichkeit wegen keineswegs um einen eindeutig & klar umrissenen handle, dafuer jedoch um ein ineinander uebergehendes, verlaufendes ensemble divergierender & lediglich zufaellig im selben
Im Schatten parken
VON BJÖRN BISCHOFF »Freie Parkplätze für Mitarbeiter« (Stellenanzeige.) 1 Im Sommer fällt der Schatten des Parkhauses auf das Bürogebäude. Die Mitarbeitenden reden von Glück, dass es deshalb in ihren Büros nicht so heiß wird. Elias hört, wie sie es auf den Fluren sagen, ein Glück, dass es nicht so heiß wird, sagen sie, es ist draußen kaum auszuhalten, und manchmal schaut jemand währenddessen durch die Tür des Büros von Elias zu den Fenstern, durch die das Parkhaus zu sehen ist, wie um sicherzugehen, dass sich das Parkhaus noch dort befindet, vor den Fenstern. 2 Es ist der Sommer, in dem die Toten in dem Parkhaus parken. Die Anweisung kommt von ganz oben, hieß in einer Mail der Geschäftsführung, mehr erfährt Bioy nicht, der in dem Pförtnerhäuschen neben Einfahrt und Ausfahrt sitzt, nur so viel steht dort, dass die Kosten über eine Kooperation gedeckt seien und durch die Maßnahme die Auslastung
